Vom Wörtchen ‚gleich‘ – Feldforschung

Das Wort ‚gleich‘ wird z.B. in einer Email wie folgt gebraucht, Beispielzitat:

 Ich hatte den Eindruck, als wollten Sie ‚gleich‘ eine mail schicken mit Anhängen der Teilungserklärungen und einer Musterklausel betreffend die Zwangsvollstreckungsunterwerfung.‘ (Zitat Email ungenannt, betreffend den Wunsch der WEin, ihre Wohnung an ihren Neffen zu übertragen, Notariatsvorbereitung)

Bei Eintreffen der Email muss ich über die Formulierung lachen. Sicher wollte ich das ‚gleich‘ erledigen, es hat nur leider nicht geklappt. Am Freitagvormittag telefonierten wir darüber. Und nun erinnert die Email daran, dass dieses ‚gleich‘ offenbar unterblieben sei. Das ist richtig:

* Der PC hat dämliche Dinge getan, musste hoch- und wieder runtergefahren werden, und dann war ‚gleich‘ vorbei.

* ‚Gleich‘ riefen noch 100 andere Leute an (maßlose Übertreibung) und baten darum, ‚gleich‘ gehört zu werden. Wir hörten auch ‚gleich‘ zu.

***

Und irgendwann war Schluss, noch schnell in den Außendienst. Dann Wochenende. ‚Gleich‘ wurde unbemerkt zu einem ‚demnächst‘, die Telefonnotiz über den Anruf der Dame befindet sich noch im virtuellen Postkorb, Tendenz: Abarbeitung geplant. Dann kommt die Email. Ja ja, die Zeiten haben sich sowas von verändert. Wir senden ein Signal aus, und schon arbeitet der andere nur noch für uns. Gleich, sofort, und unaufschiebbar. Am Dienstag früh fängt der Verwalterschädel wieder an zu denken. Nun ist die Sache bearbeitungsreif. Der Verwalter tut etwas besonders Nützliches: er denkt gründlich nach.

* Die Dame will ihre Wohnung notariell übertragen. Das ist schön. Sie hat den Zeitdruck, weil sie selbst die Unterlagen nicht vollständig hat. Der Verwalter soll Unterlagen geben, die sie selbst nicht hat, also Kopien von Vorgängen, die lange zurückliegen und die sie aber hatte, denn sie hat selbst die Wohnung erworben und jeder Eigentümer hat die Unterlagen, die er braucht, beim Kauf zu beanspruchen. Wenn er das nicht tut, so passiert das zwar, ist aber kein Versäumnis des aktuellen (vierten oder fünften) Verwalters.

* Die vorherige Information, es stehe eine Übertragung an, ist super. Sie hilft, der Verkäuferin zu helfen, beanstandungsfreie Kaufverträge unter Einschluss der Wünsche des Verwalters zu schließen. Dafür geben wir Formulierungshilfen für arbeitsüberlastete Notare an die Hand, warum auch nicht?

Der Zeitdruck wird am Montag erst offenbar: ‚Da morgen hoffentlich die notarielle Vertragsunterzeichnung stattfindet……‘ Na, siehste, doch erst in letzter Minute an uns gewendet? – Na, wenn das so ist, dann machen wir das doch ‚gleich‘, außer wir haben keine Zeit, denn auch wir benötigen eine angemessene Bearbeitungszeit, liebe Kundin! Eine Bearbeitungszeit von drei Werktagen ist so schlecht nicht! Dies nur für unsere gemeinsamen Erinnerungen! Und nun viel Erfolg beim Akt der notariellen Übertragung.

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