1975/14: Goldene Worte: ‚Goldene Tulpe‘ – Begehrte Auszeichnung für gute Leistungen geht heute an das Wort ‚Ordnungswidrigkeit‘

Goldene.Tulpe.Award

Das Wort „Ordnungswidrigkeit“ impliziert spießbürgerliche Bräsigkeit. Oder ist ein Aphorismus: Wer wider die Ordnung handelt, ist wirklich frei von bürgerlicher Konvention. #Taggedanken

Der Landkreis „Berliner Speckgürtel“ (* Name geändert) -Umweltamt- schreibt: „Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass eine weitere Nutzung der Kleinkläranlage ohne wasserrechtliche Erlaubnis als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann.“ So sagt der Verwaltungs-Harry Hirsch und Michel Kohlhaas antwortet: „Wer dreimal mit der Knute spricht, den zerrt man vors Verwaltungsgericht.“ – Witz im Unwitz: Durch einen Schreibfehler der öffentlichen Verwaltung gilt der Bescheid bis zum Jahr 20013. Von wegen „ausgelaufen“. Ausgelaufene Kleinkläranlage? Igitt.

Glück!

Die eingebildete Stärke der öffentlichen Verwaltung, in gutem Recht und für eine demokratische Gesellschaft zu arbeiten bzw. zu verwalten und ihre Eigendynamik in kraftstrotzendem Wort, Belehrung, Oberlehrerhaftigkeit und dämlich wirkender Attitüde: So wie vieles, was von Ämtern verfasst wird, aus nichtigem Anlass und gespickt mit Wortgerüsten, die den Sachverhalt aufplustern.

Die (öffentliche) Verwaltung ist nicht (nichtöffentlich, auch nicht) „Diener dieses Staats“ und seiner Bürger, sondern hat sich aufgemacht, die Menschen mit Vorschriften und mainstream-Sprech (Bescheide, Briefe, Korrespondenz) zu beherrschen. Schon am Beispiel von berlin.de, der Hauptstadt-Website, sieht man, wie hilflos die Auftritte der öffentlichen Verwaltung angelegt werden und wie unmöglich man sie sich schlicht einprägen kann.

Sein Wohnsitzfinanzamt in Berlin mit Website abzuspeichern, ist schwer. So lange URLs, wie berlin.de dafür braucht, benutzt wirklich niemand. So lang die URLs, so kurz der Verstand. Emailadresse gefällig? Pah, ohne mehrmaliges Nachfragen sind die Buchstaben, Strich- und Minusketten von aneinandergereihten Akronymen schlicht nicht zu verstehen. Wer sich diese nicht gewissenhaft in sein Adressbuch einspeichert, handelt unordentlich. Nein, ordnungswidrig. Denn Ordnung, was sich die Verwaltung ausdenkt und alles, was das nicht versteht, handelt ordnungswidrig. Jetzt ist es aufgeklärt. Bürger: Handelt ordentlich.

Alles klar, Günni, machen wir! #Zurufe aus dem Publikum

Wer einen Kraftwagen steuerlich richtig behandeln will, muss Steuergesetzgebung studieren und für einen selbstverständlichen alltäglichen Vorgang Nebenbuchführungen führen, deren Angemessenheit nicht mehr im Verhältnis steht zur Vorschrift selbst. Es ist die Vorschrift, die regiert: „Law rules“. Niemand ist noch in der Lage, Vorschriften eindämmend zu wirken, die Zahl der Regularien zu verringern und für eine Vereinfachung des Lebens zu streiten. Alles wird zerredet in nutzlosen Diskursen, die als Expertenwissen daher kommen.

Die käufliche Republik: Man handelt frei von jeder Ordnung, um frei zu sein. Wird das Handeln wider diese Ordnung festgestellt, wird die Ordnungswidrigkeit festgestellt, von der man sich nur noch mit einem Ordnungsgeld freikaufen kann. Erst nach Eingang der Ordnungsstrafe ist die öffentliche Ordnung wieder hergestellt. Ob das in Ordnung ist?

Für vieles aber braucht der Mensch nur einen klaren Kopf, Herz und „gesunden Menschenverstand“. Der größte Fehler des Bürgers wäre es, solche Schreiben in all ihren kranken gedanklichen Verästelungen ansatzweise ernst zu nehmen.

Tut es einmal, aus Spaß: Die öffentliche Verwaltung würde sofort bankrott gehen und könnte die einfachsten Dinge nicht mehr regeln, wenn die Menschen diese Art von Belehrungen ernst und Drohgerüste wie diese mit Antwortbriefen ausführlich auseinander nähmen, mit der Folge, dass die öffentliche Verwaltung nun auch noch verpflichtet wäre, aus Rechtsgründen freilich, derartige „berechtigte Anfragen“ schriftlich -rechtssicher- zu beantworten.

Das Ziel dieses „zu ausführlichen Schwachsinns ist immer die Begrenzung, die Deckelung der Menschen auf eine vermeintlich richtige „bürgerliche Normgröße“, auf Passgerechtigkeit und Kontrolle über das Denken. Dafür bricht sich der Verwaltungsakt Bahn in sinnentleerten, textbausteinartigen Fragmenten für jede schon mal erlebte Eventualität. Das hat auch sein gutes: Man kann mit derlei „Textbibliothek“ eben  hirnrissige Idioten als Mitarbeiter beschäftigen, die dafür nicht mehr näher nachdenken müssen, was sie tun. Prima.

Es ist die Sprache, die vor vermeintlicher Ordnung strotzt, in der Ordnung ist, was öffentliche Verwaltung ausspricht und Unordnung alles, was öffentliche Verwaltung in ihrer Bräsigkeit und Piefigkeit stört. Geradezu widerlich, würde man dies noch weiter inhaltlich vertiefen und den ganzen Sachverhalt „ordentlich“ einer öffentlichen Leserschaft darlegen. Hinter diesem Satz steckt nichts anderes als der verzweifelte Gedanke, Bürger zur Ordnung zu rufen, für was für einen nichtigen Anlass auch immer.  Zur Benutzung der obigen Kleinkläranlage übrigens, gibt es gar keine Alternative, denn wo das Grundstück liegt, ist nichts anderes als das: „Stand der Technik“. Ein überflüssiger Verwaltungsakt, daher. Dafür die „Goldene Tulpe“, der Award für besonders gute Leistungen. Herzlichen Glückwunsch, Landkreis „Berliner Speckgürtel“.

Gut gemacht. – Fazit? Halten wir säuberlich Ordnung in unserem Kopf, denn er legt die Gedanken für die Tat. Wenn wir diesen Zustand nicht akzeptieren möchten, so nennen wir die Ratio in unserer rechten Hirnhälfte (bei Linkshändern links) in Zukunft klar und deutlich „Wut“. Und lassen nicht zu, dass uns die piefigen Spießigen an ihre bürgerlichen Messlatten nageln. Howgh, ich habe gerochen. Und zwar den Braten, den zarten. Haben wir einen Riss im Hirn? – Eine Band, in der ich ca. 1986 mitmischte als Schlagzeuger, mit dem Namen „Minimaler Konsens“ (kurz: MOK), hatten einen gleichlautenden Titel. War 1986 schon abzusehen, was die zwingende Folge all dessen wäre? Vermutlich.

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Musik: „Riss im Hirn“ (Proberaum-Aufnahme ca. 1986, Berliner Band „Minimaler Konsens“)

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