Anke´s Zeugnis

1859/13: Foto des Tages: Anke´s Zeugnis, die Leiden des jungen Werther, Bauernschläue und Bibelgebote

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Bibelgebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ – Bauernschläue: „Mit Speck fängt man Mäuse.“ Johann-Wolfgang von Goethe: „Ein Mensch, der um anderer willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst etwas abarbeitet, ist immer ein Tor.“ aus: Die Leiden des jungen Werther

Wir sind gedanklich im Jahre 1977 in der Klasse 6 b in Grabow, einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern (Berliner Speckgürtel). Anke bekommt ihr Zeugnis. Es wird abgerechnet über´s vergangene Jahr Schule. Und wie.

1977 war die Zeugniswelt noch in Ordnung. Eine rundum gelungene „Gesamteinschätzung“ gibt das Zeugnis her, eine Schülerin mit einer positiven Menschwerdung, nicht nur in der Art ihrer schulischen Leistungen und deren Beurteilung. Auch der „social impact“ stimmt. Nach Art des Systems, in dem schulische Leistungen hier beurteilt zu werden pflegen, ist die Schülerin positiv beleumundet. Sie selbst hat dazu einige Distanz, inzwischen.

Das Zeugnis liest sich wohlfeil.


Anke´s Zeugnis

Anke´s Zeugnis

(auf´s Bild klicken macht es größer – Quelle: Die Zeugnisinhaberin, mit freundlicher Genehmigung, danke)

Durch ihr zielstrebiges Lernen, ihre vorbildliche Lerneinstellung und ihr beispielhaftes Verhalten hat Anke bewiesen, daß sie durchaus ihren Pionierauftrag verstanden hat. (Zeugnistext-Exzerpt)

Wir werden alle beurteilt. Früher oder später. Bzw. früher als es uns recht ist. Das merken wir erst viel später. In einem gewissen Alter heißt unser persönlicher Lernerfolg, dass die Rechnung immer erst am Ende eines Tafelgangs erteilt zu werden pflegt. Wie im Restaurant. Erstmal wird gefressen. Die Rechnung ist, was wir dafür bezahlen müssen.

Wie so ein Zeugnis.

Für fakultative Nadelarbeit (sic) war es in der sechsten Klasse noch zu früh. Am Ende des Schullebens wird nicht nur im Werkunterricht die „fakultative Nagelarbeit“ für so wichtig gehalten, dass gar kein Weg daran vorbei führt. Maria sagt dazu: Ja, ja…es gibt so einige Unterschiede….z.B. diese Worthülsen in der verbalen Schülereinschätzung. Ein weites Feld. Auch wir mussten lernen, dass als kontaktfreudig bezeichnet zu werden, heutzutage bedeutet, dass man als hoch promiskuitiv eingeschätzt wird. Der Pionierauftrag war da eher weniger verfänglich.

So viel Schlechtes kann man in einem Zeugnis wie diesem erst einmal beileibe nicht darin erblicken. Entscheidend ist zunächst das Ergebnis: versetzt in die 7. Klasse. Na bitte. Allerdings haben Zeugnisse wie diese auch einen bitteren Beigeschmack: Denn im Grunde genommen zeichnen sie uns ein Bild über uns selbst, das nicht auf unserem freien Willen beruht, sondern auf den Erwartungen anderer an uns, die uns zu einem Menschen machen möchten, der so ist, wie sie sich ihn wünschen. Vielleicht sollte man daher auf Zeugnisse von anderen eher weniger geben?

Ost- wie Westzeugnisse hatten doch immer ein und dieselbe Funktion: Darüber zu richten, ob aus jemand überhaupt irgendetwas werden könne. Mit Beurteilungen, die wie Aufträge wirken. Vielleicht wie „Pionieraufträge“? Betragen 1, das riecht nach Wohlverhalten. Ordnung 1 klingt (später) wie Pedanterie. Fleiß 1, das klingt nach Streberei, so wie Mitarbeit 1. – Allerdings: Dies alles nur aus „sicherer Entfernung“ von Zeit (damals) und Raum (Schule).

Anke hatte ihren Pionierauftrag allerdings „durchaus verstanden“, wie das Zeugnis bestätigt suggeriert. Dabei ist das Wort Pionier für das gesellschaftliche Modell vereinnahmt worden. Der Pionier hatte festen Boden unter den Füßen und stand gesellschaftlich außerhalb von jeglichem Zweifel immer bereit, allzeit bereit. In einem anderen Sinne galt das Wort Pionier eher dem „modernisierenden Neuerer“, dem Erstbesteiger eines noch nie betretenen Berggipfels, dem Erfinder einer neuartigen Kaffeemaschine oder dem ersten Mensch im Weltall. Wie konnte dann der nachwachsende Mensch sich formen nach einem Ebenbild des vorbildlichen Gesellschaftsmitglieds? – Richtig verstanden konnte ein Pioniersauftrag also sprachlich nur ein solcher sein, der auf gesamtgesellschaftliche Erneuerung nach einem ganz untrüglichen, von jeglichen Zweifeln freien Idealbild des „modernen Menschen“ fest umschlossen wäre.

Bei mir gab es mal eine Bemerkung… „Reinhard stört bisweilen den Unterricht“ (hatte Maultrommel gespielt) – sagt Reinhard, früherer Schüler und Maultrommelheld jener Jahre

Das haben die Zeugen Jehovas versucht und „Erwachet!“ gerufen, den „Leuchtturm“ (nicht den von Nena) von Tür zu Tür beworben und andere sowieso, worauf einzugehen hier unmöglich bleibt, allein aus Umfangsgründen. Anke hat in der 6. Klasse nur gute Zensuren eingeheimst. Kurz danach schon sind ihre Interessen ab vom Weg kommen. Nun lesen sich Texte wie diese vollkommen anders, denn sie sagt:

…diese gewissenhafte Arbeit führte bei mir letztendlich auch dazu, dass meine Zeugnisse in späteren Schuljahren etwas anders aussahen…

In der Tat kann ich ihr da nur beipflichten. Für mich selbst halte ich fest: In einem gewissen Alter, so erinnere ich gerade, leistete ich, weil mein Interesse daran geweckt wurde, durchaus auch „gewissenhafte Pionierarbeit“, bei der Entdeckung der anderen Hälfte jener Menschheit, von der ich deutlich abgegrenzt ein Junge gewesen war. Ich glaube, so war es. Jetzt ist es mir klar.

Das Ergebnis davon, bestätigt auch Anna, ist die Zwangsläufigkeit eines insgesamt starken Abrutschens des Zensuren- und Belobigungsniveaus auf Zeugnisebene, die Zensuren rutschen in Keller, der Mensch wird mit zunehmendem erwachsen werden negativer beurteilt, nur weil er sich mit den durch positive Bewertungen wie diese erworbenem „positiven Selbstbild“ aufmacht, eine ganz andere Art und Weise vom Leben zu erkunden. Halten wir also fest:

Zeugnisse wie diese sind eine Art Vorschussvertrauen in uns Schüler, von denen die vor uns zur Welt gekommenen Erwachsenen uns Hoffnung entgegen bringen, die wir später sowieso niemals erfüllen können. Denn wir und andere vor uns lebten nie den Rest des Lebens weiter in der Absicht, möglichst matrizenhaft deren Lebensentwürfe zu vervollständigen, nur um deren Ansprüchen zu genügen. Nein, wir wollten immer unser „eigenes Ding“ leben, machen, wozu wir Lust hätten, ausleben, was wir für auszuleben wünschenswert hielten. Unsere Eltern liebten Ernst Mosch, die Original Oberkrainer, Ray Charles oder Juri Gagarin, Trude Herr, Heinz Erhardt und die „Brigitte Bardot“ der DDR, Eva-Maria Hagen. Wir aber genossen The Sweet, Alvin Stardust, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, die Puhdys, Karat, Renft oder die „Neue Deutsche Welle“. Für was auch immer wir uns zu interessieren versuchten, musste immer abweichen vom Vorbild des Vorherigen, das uns aber nichtsdestotrotz gefangen zu nehmen versuchte durch „schmeichelnde Beurteilungen“, vorweg genommene Belobigungen auf untauglich einengenden Zeugnissen wie diesen, die sich heute -im nachhinein- nur noch wie kafkaeske, unfreiwillige Komik lesen.

Erst in jenem Moment, indem wir schlechtere Zeugnisse erhalten als Quittung, sind wir offenbar zu besseren Menschen geworden? Vermutlich. Ja, so könnte es (gewesen) sein.

Sollte man Zeugnisse abschaffen? Oder sie in den Staub werfen? Bzw. sich selbst?

Danke, Anke.

(EP)

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