722/2010: Historie: Meyers Konversationslexikon in geschätzten 24 Bänden von 1897 aufgefunden

Meyers Konversationslexikon - aufgeschlagen

Meyers Konversationslexikon - aufgeschlagen

 Wer Berliner Altbauten verwaltet, muss diesen Job auch mögen und sich für Hintergründe interessieren!“ (Bloggwart, unbestätigte Fachmeinung)

Meyers Konversationslexikon, Ausgabe 1897, lief uns kürzlich, letzten Samstag bei Kaffee und Kuchen, in einem älteren (Berlin-)Zehlendorfer Haushalt über den Weg. Die gesamte Ausgabe umfasst geschätzt 24 Bände, zu sehen ist hier Band Nr. 12 der noch vorhandenen, gut erhaltenen und aufwändig gestalteten Gesamtausgabe.

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(kostenloser) Servicehinweise

Warum das Ding eigentlich Konversationslexikon heißt, wissen wir nicht genau. Wir können es erraten.


Monty Python – Sinn des Lebens (via Youtube) – beachte ab: 05:30 Minuten aufwärts (in deutscher Sprache)

Traf man sich um 1898 in Berlin oder anderswo im deutschsprachigen Raum zu Kaffee und Kuchen. Man parliert (redet) über dies und das. Man möchte etwas schnacken. Diese vorstellbare Szenerie kennen wir aus einem Sketch der britischen Komikertruppe Monty Python und eventuell hat sie da ihren Ursprung? In der Filmszene „Hawaianische Musik“ (siehe oben) sehen wir ein Pärchen (Ehefrau und Ehemann), ankommend in einem Restaurant unerwarteten Zuschnitts. Ein „Themen-Restaurant“, indem anstatt zu speisen, Gespräche angeboten und schließlich serviert werden. Der Ober eilt sogleich herbei und bietet eine Karte auf. Es ist keine Speisekarte, sondern eine mit Themenvorschlägen, über die sich -bei Gefallen- reden ließe. Sinnleerer ist niemals wieder ein Pärchen mit dem Drang, etwas Interessantes zu erleben bereden dargestellt worden. Ein Lexikon zum Konversationen pflegen? Die Kernfrage aller Ursprungsfragen des Lebens aber ist: „Kommt in allen Philosophen ein S vor?“ Um überhaupt Gesprächsthemen zu haben finden? Merkwürdig: Haben die Leute sich denn ohne fachliche Beratung nichts zu sagen gehabt? Spiritueller Input, sozusagen.

Trotz allem denkbaren Themen-Input für einen gepflegten, leichtgängigen Talk am Nachmittag: als „Nachschlagwerk des allgemeinen Wissens“ in der fünften, gänzlich neubearbeiteten Auflage mit mehr als 10.500 Abbildungen im Text und auf 1088 Bildertafeln, Karten und Plänen, kommt das Kompendium wie eine vorauseilende, aufschneiderische Lebenslüge daher. Niemand kann behaupten, ein so mannigfaltiges Allgemeinwissen besessen zu haben. Gutsituierte hatten es aber doch: im Schrank, bzw. in der Bibliothek. Wissen war im Mobiliar verfügbar. Heute ist es im Netz weltweit verfügbarer geworden. Schon früher galt offenbar die Devise: Du musst nicht alles wissen, es schadet aber nichts zu wissen, wo man nachschlagen kann muss müsste! Wenn man nur wollte….

Eher so dürfte der gedruckte Gesprächsleitfaden für gepflegte Konversationen als Touch äußerer Anschein eines gewissen Bildungsbürgertums zu verstehen sein. Wer Bildung in Wort und Schrift besaß, stellte sie in den Schrank mit Glastüren, damit man das Vorhandensein von Kultur gut sichtbar parat hatte. Unklar ist, ob man das Lexikon als Vorbereitung einer Tischrunde klammheimlich, still und leise rechtzeitig vorher zu Rate zog oder ob es inmitten eines nachmittäglichen Gesprächskreises spontan, überraschend auf den Kuchendrehteller gelegt wurde? Für uns Kinder galt bei Oma bereits das Rotationsprinzip, dessen sich die Grünen erst viel später berühmten: mit dem Finger angeschnipst, drehte sich der Kuchendrehteller Richtung Unendlichkeit. Bevor er wieder aufs Neue angeschnippt werden musste.

(schnell drehender) Kuchendrehteller

(schnell drehender) Kuchendrehteller

Am 10.03.2010 indessen gab es beides zu besichtigen: Kuchendrehteller (die kleine Ausgabe) und Gesamtausgabe von Meyers Konversationslexikon. Auf dem Drehteller, den schon Oma früher gern benutzte, stand ein selbstgebackener Käsekuchen, während die Holunderblüten-Sahnetorte -säuerlich im Geschmack- mit grünen Pistazien abgestreut, ganz vorzüglich mundete. Dazu ein paar Seiten Meyers, und fertig sind den Tag füllende, gepflegte Dialoge. Weit mehr als 80.000 Fragen oder besser Konversationsthemen, so schwant dem Berichterstatter, ließen sich ohne große Not aus dem Gesamtkompendium entwickeln. Ein erst einmal unsinnig erscheinendes, verwirrendes Unterfangen.

Geschichte des Wohnhauses

Geschichte des Wohnhauses

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Sprachs und bald schon machte sich der Bloggwart auf, das beruflich relevante Fachwissen zuallererst quer zu prüfen im Lichte vorübergegangener mehr als 110 Jahre! Was ein Zinsfuß ist und ob er riecht, wenn man ihn nicht wäscht? Und ein Wohnhaus? Wie es überhaupt zur „Geschichte des Wohnhauses“ (auch: Mietshaus – sprich: Miezhaus, miau!) an sich gekommen ist und worin die Unterschiede eines typischen Hamburger Mietzinshauses im Vergleich zur bekannten Berliner Mietskaserne (sprich: Miezkaserne) bestanden, oder ob in Mietskasernen nur Soldaten wohnen durften? Interessant: Meyer kam 1897 mit lediglich einer innenliegenden, gegenüberliegenden Doppelseite aus, um „Haustypen“ zu verzeichnen.

 Graue Häuser, ein Junkie im Tran,
es riecht nach Oliven und Majoran.
Zum Kanal an Ruinen vorbei,
dahinten das Büro der Partei.
Auf dem Gehweg Hundekot,
ich trink Kaffee im Morgenrot.
Später dann in die alte Fabrik,
die mit dem Ost-West-Überblick.
Zweiter Stock, vierter Hinterhof,
neben mir wohnt ein Philosoph.“

(Quelle: Ideal, Song: Berlin, 1980)


Ideal – Berlin, 1980 – (via Youtube)

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Grundriss Berliner Mietshaus (Meyers Konversationslexikon, 1897)

Grundriss Berliner Mietshaus (Meyers Konversationslexikon, 1897)

Ja, richtig: Heute ist alles grösser und vielschichtiger geworden. Den Versuch, die Realität insgesamt zwischen Buchdeckel zu pressen, der scheiterte schon 1897 und bedurfte jährlicher bzw. zumindest regelmäßiger Fortschreibung in weiteren Auflagen und bedeutete nie die Reduzierung auf nur zwei (Buchdeckel) davon. In diesem Fall round about 48 (24 X zwo) und allerliebst gebunden. Heute benötigt niemand mehr Buchdeckel und das ist ja das Bedauerliche! Das jeweils aus dem Regalschrank zu ziehende Einzelbuch einer Reihe von 24 Büchern ließ sich einfach anmoderieren: „Von Mauria bis Nordsee“ hieß es dort und wir selbst erinnern derartiges noch aus Jugendzeiten. Die Kette Zweitausendeins schlug den Kauf nach Kriterien wie „Von Abba bis Zappa“ vor.  Das Örtliche (Telefonbuch) versprach „Aalräuchereien bis Zylinderstifte“. Na siehste, es geht doch.

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Man muss nur hinreichend globalisiert denken, dann findet man sich in der Welt von A bis Z gut zurecht. Nicht auszuschließen, dass gesichtspunkte.de hier und da noch einmal Kulturdiebstahl im Ende des bereits abgelaufenen 19. Jahrhunderts (endend 1899) begeht. Denn die Art und Weise, wie das Kulturgesamtwerk Meyers Konversationslexikon die Gegenwartskenntnisse aufschrieb, ist hoch vergnüglich interessant. Nicht umsonst ist der Wegfall ganzer Wort- und Schlüsselbegriffe in der virtuellen Gegenwartsliteratur zu beklagen als eine Art Kollateralschaden der internetbetriebenen Lexika. Das Wort Gesichtspunkt -beispielsweise- als eine der wesentlichen Triebfedern dieses blogbetriebenen Gesamtkunstwerks (hoi, hoi) lässt sich begrifflich in Wikipedia nicht finden. In Meyers Konversationslexikon hingegen schon: beachte einfach den sogenannten Header dieses Blogs und klick ein paarmal auf die „home-Adresse“. Da steht es jetzt seit neuestem und kündet folglich jetzt und für immerdar von unserer wiedergefundenen, vollkommen neuen Identitätsfindung – geboren 1897!

screenshot Gesichtspunkt Wikipedia

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