Schildkröten und Krokodile – Eigentümerversammlung

Das Leben der anderen....

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Eigentümerversammlung am Abend: Wie immer treffen wir uns in der Wohnung eines Miteigentümers in Berlin-Wedding auf der großen Eckledercouch. Die Zahl der Teilnehmer an den Versammlungen hat in der letzten Zeit abgenommen, es werden eher Vollmachten erteilt. Wenn Frau Hahn (*) mit weiteren, nicht in der Tagesordnung genannten Punkten einverstanden ist, so hat sie auch dafür Vollmacht, lautet die Direktive in der schriftlichen Vollmacht von Frau Kesebarth (*). Das ist ungewöhnlich und zeugt von großem Vertrauen. Denn normalerweise deckt sich eine Vollmacht von ihrem Umfang her nur mit dem Bekannten. Die Tagesordnung ist der Rahmen, auf dessen Grundlage eine Vollmacht erteilt wird. Die Nachfrage des Verwalters bei Frau Hahn, was das bedeute, beantwortet sie so: ‚Wir sind jetzt per Du, Frau Kesebarth und ich‘, ach so, ein gutes Einvernehmen also. Im Haus ist mit den Jahren eine richtige Gemeinschaft gewachsen. Das war nicht immer so.

Mit Herrn Zeuthing, dem damaligen Umwandler der Immobilie, war jetzt eine Zeit ’nicht gut Kirschen essen‘.

***

Er war in finanzielle Schwierigkeiten geraten und schuldete der WEG rund 50.000,- € Wohngeld. Denn er hat rund 30% der Wohnungen im Hause, das spielt ‚pekuniär‘ eine große Rolle. Bei Versammlungen müssen die Stimmrechte ‚der Anderen‘ gewissenhaft präpariert sein. Denn jeder Beschluss kann vor dem geistigen Auge des früheren Mehrheitseigentümers wie Gift aufgefasst und daher abgelehnt werden. Selten ist es in Wohnungseigentümergemeinschaften so, dass die Belange und Interessen von selbstnutzenden und vermietenden Wohnungseigentümern in Übereinstimmung sind. Sie unterscheiden sich zum Teil diametral.

Herr Zeuthing hat noch mal die Kurve gekriegt. Noch geräumig vor dem 31.12.2008 hatte die Verwalterin die Daumenschrauben merklich angezogen. Mietpfändungen bei weiteren Mietern von Herrn Zeuthing, auch in ganz anderen Berliner Bezirken, haben ihn so sehr geschmerzt, dass am 31.12.2008, noch rechtzeitig zum Abrechnungsstichtag der WEG eine ganz erkleckliche Summe Wohngeld hereinkam. Es ergoss sich ein warmer Finanzregen über die Verwalterin, die die Wärme treuhänderisch entgegen nahm. Geld ist jetzt da!

Im Hickhack mit der finanzierenden Landesbank Berlin hatte Zeuthing diese hinter sich gelassen und -in diesen schwierigen  Zeiten- eine andere Hausbank gefunden. Er hat nun ein Gesamtengagement dort und den strikten Auftrag, die noch verbleibenden Immobilien beherzt zu verkaufen. Mit Verve. Es geht noch um 150 Wohnungen, geschätzt. Präsident Obama macht in Amerika eine Billion Dollar stark, um das erstickte Kreditvergabegewerbe wieder in Schwung zu bringen. Gestern Abend waren auch die letzten Forderungsreste der Gemeinschaft durch Herrn Zeuthing ausgeglichen. Besser hätte es wirklich nicht laufen können, nein, niemand hätte unter diesen ‚gesamtwirtschaftlichen Umständen‘ überhaupt erwartet, dass diese ekelhafte Geschichte so glimpflich abgeht. Jetzt gibt die Verwalterin die Devise aus: ‚Es kann jederzeit wieder passieren und wir müssen auf der Hut sein!‘ – Rücklagen bilden, die Ausgaben so gering als möglich halten.

In den letzten fünf Jahren hat die neue Verwalterin viel bewirkt. Die Finanzstruktur ist jetzt komplett durchsichtig, jeder Euro und jeder Cent ist auffindbar. Ein Vermögensstatus auf den 31.12. des Vorjahres beweist, dass 97% der vorhandenen Aktiva auf Geldkonten vorhanden sind . Ein Superwert. Die zwei beschlossenen Treppenhausrenovierungen (Beschluss Ende 2006) waren ‚peu á peu‘ durchgeführt worden, mit Augenmaß und -wegen der wohnanlageninternen Finanzkrise- erst, nachdem klar war, das Geld dafür ist auch wirklich -endlich- da. Beide Treppenhäuser sind jetzt strahlend schön. Die Schornsteine werden dieses Jahr neu gemacht. Die großen Themen Abrechnung, Wirtschaftsplan, Wohngeldprozess und erfolgreiche Instandsetzungsaufträge Treppenhaus sind jetzt abgearbeitet. In einer gut verlaufenden Wohnungseigentümerversammlung wie dieser ist jetzt knapp eine Stunde Zeit vergangen. Aber auch nur, weil Rentner Dreisig (*) immer wieder Redebeiträge einwendet. Geht es um Schnee- und Eisbeseitigung und wie viel sie kosten darf, fällt ihm das Streusalz für den Hofgully ein. ‚Im Keller‘, sagt er, ‚da sind die Krokodile kaputt!‘ Und auf Nachfrage: ‚Ach nein, ich meine, die Schildkröten!‘ Der Verwalter schlägt vor, den gesamten Kellerbereich zu fluten, um die Krokodile nicht auszuhungern. Alles lacht, man ist guter Laune! Es ist ein Unterschied, ob im Keller Schildkröten oder Krokodile nicht anzutreffen sind. Schildkröten jedenfalls, da sind sich die Beteiligten einig, müssen ersetzt werden, es handelt sich dabei um diese Glasabdeckungen mit Metallgitter-Ummantelung für die Beleuchtung der Kellergänge.

Dr. Pfeiffer (*) aus dem schönen Münsterland ist extra angereist und hat die Belegprüfung gemacht. Er weiß beizusteuern, dass die europäische Grundhaltung, gewöhnliche Glühlampen mit Sperrfrist zu versehen, nichts taugt, da man Energiesparlampen auf kristallenen Leuchtkandelabern zuhause nicht einsetzen kann. Er habe sich schon jetzt eine ganz beträchtliche Sammlung gewöhnlicher Glühlampen als Reservoir für Notzeiten beschafft. Rentner Dreisig pflichtet bei: ‚Schwachsinn, alles Schwachsinn, eine Treppenhausbeleuchtung kann mit Energiesparlampen gar nicht betrieben werden, wenn die endlich an sind, geht die Beleuchtung schon wieder aus!‘ Wenn das so ist, wird sich die Leuchtmittelindustrie tatsächlich noch was einfallen lassen müssen.

Einige haben noch Wünsche aufgeschrieben auf ihren Vollmachten, und die müssen die Anwesenden jetzt noch bis zu Ende mit dem Verwalter durch besprechen. Schließlich, nach 70 Minuten Eigentümerversammlung, sind alle müde und erschöpft vom vielen Verhandeln. Unser Gastgeber, das sind zwei herzensgute, tolle indische Eigentümer. Die Frau des Hauses hat es sich über die letzten Jahre zur Angewohnheit gemacht, eine Art indischen Imbiss nach Schluss der Versammlung anzubieten. Das wird dankbar aufgenommen. Die Eheleute stammen aus dem Punjab in Indien, und dort ist die Gewürzeverwendung eine ganz bemerkenswerte. Es kann sein, dass dir die Geschmäcker im Mund buchstäblich explorieren.

Herr Zeuthing war wieder nicht da. Das ist so eine Eigenart von ihm, die kannst du getrost ins Kalkül ziehen. Es ist seinerseits nicht erlaubt, die bevorstehende Versammlung nicht mit ihm abzusprechen. Das muss sein und wenn nicht, dann gibt’s Tiraden dafür. Und du merkst dir diesen Fauxpas ganz genau, prägst dir ein, das darfst du nie mehr vergessen: immer mit Herrn Zeuthing den Termin genau absprechen. Wenn dir das erst einmal gelingt, hast du gewonnen und es gibt keinen Stress mit Herrn Zeuthing mehr. Denn so viel Zeit muss sein. Genau so fest und unverrückbar, wie das Zeuthing´sche Gesetz von der normativen Kraft vorheriger Verabredung, steht aber auch fest: Zeuthing erscheint dann nie. Und die Versammlung lief trotz alledem gut: es hat niemanden gestört.

(Dieser Artikel erscheint auch auf gotthal.de) 

(*) Namen von der Redaktion geändert.

2 Gedanken zu „Schildkröten und Krokodile – Eigentümerversammlung

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