1365/11: Kritik: Vom Rest das Beste gibt´s bei Günther Jauch

Der Kritiker - MRR


Achtung! Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin (via Youtube, gefunden via Peter Glaser, danke!)

Der Ort ist Programm. Die neueste ARD-Polit-Talkshow „Günther Jauch“, die ab dem 11. September jeden Sonntag auf das Gesprächsrunden-begeisterte deutsche Fernsehpublikum losgelassen wird, ist im Gasometer in Berlin-Schöneberg zuhause. Das 80 Meter hohe Industriedenkmal wurde für die Sendung neu ausgebaut. Der offene Turm aus einem Metallgerüst ist mit einer Kuppel versehen, die nicht zufällig an die des Reichstags erinnert. (stern.de, 05.09.11, hier)

Vor meinem geistigen Auge erinnere ich dies Foto von der jungen 28-jährigen, schwarzen Amerikanerin, die sich aus dem 81. Stock eines der zwei Zwillingstürme gerettet hatte und das um die Welt ging. Heute heißt sie für mich „Dusty Springfield“, ähnlich wie die amerikanische Countrysängerin. Eine junge, 28-jährige, überaus staubige („dusty“) „Spring ins Feld“, stand sie eben noch am Kopierer im World Trade Center (WTC) und nun geht ihr Foto um die ganze Welt. Ihr Name: Marcy Borders. Sie selbst über und über mit Staub beladen, der so schwer wiegt, schwerer noch als Blei. Gestern Abend ist ihr Part der des Eröffnungs-Einspielers, es spielt ein bisschen Klavier dazu und uns Deutschen wird nun erklärt, wer sie ist. Als wüssten wir das nicht, jedenfalls so ungefähr.


Eingebettet via BILD – hier

Als Seiten- bzw. Absatztrenner dieser Website ist es Usus, ein Flugzeug dazwischen zu setzen. Es ist ein Usus, der durchbrochen wird aus Anlass des hiesigen Themas. Fliegende Flugzeuge gehören einfach als grafische Ikonen nicht in einen Artikel hinein, der thematisch auf „nine eleven“ aufsetzt. Wenn auch der alternativ gewählte Seitentrenner (siehe hier oben) auslegungsfähig ist: Denn will man die Erinnerung an „nine eleven“ einfach herunter spülen und nochmal nachbürsten? Wie es einige fordern, in diesen Tagen?

Im Reigen der verschiedenen Talkformate im Ersten ist nun ganz neu der öffentlich rechtlich einst wohlgeborene Sohn und Wunsch-Schwiegersohn aller älteren Damen um die siebzig: Günther Jauch, Potsdam, fährt jetzt nicht mehr nach Köln, wo stern.tv abgedreht wurde, sondern nach Berlin-Schöneberg, in die Studios am Gasometer, das übrigens eine ganz hervorragende Kulisse für derartige Talktechtelmechtel abgibt. Gleich die erste Ausstrahlung von Günter „Fettdruck“ Jauch heißt schlicht wie ihr Moderator und so wird es auch künftig bleiben.

Vom flachen Palaver eines Flachberg, einer Maischenberger, von Anne „Yes, we will!“  und aller weiteren „reden wir mal drüber“-Heinis ist Günther Jauch der Allerbeste aller Reußen! Es ist inzwischen nicht mehr so hemdsärmelig und schlaksig, sondern etwas staatstragen, Typ Anchorman, gesetzt, gediegen und irgendwie sonor. Geschichten, die uns dieser öffentliche Mann nahebringt, sind weder Schnurren noch Schnarren. Sie klingen irgendwie ergreifend, persönlich und wie ein Therapeuticum maximum. Ich gebe es zu: Ich bin ein Fan von Günther Jauch.

Vor längerem entschied ich, der Sendung stern.tv insgesamt überdrüssig geworden, diese Sendung komplett zu verweigern. Das hatte viel damit zu tun, dass erstens das Privatfernsehen schon immer Fluch und viel weniger Segen für mich bereithielt. Dieses kontinuierliche „Geld verdienen“ müssen der privaten Sendeanstalten, ein nahezu vollkommen beliebiger Sendeinhalt und die zunehmende Ausbreitung von „Lebenstrivia“ machten das Sehen dieser Sendungen immer unerträglicher. Und die Wahrheit ist doch auch: stern.tv war ausgelutscht, lustlos und zunehmend anachronistisch geworden, und das trotz, nicht wegen Günther Jauch. Auch deswegen ein „Chapeau“, dieses hat er begriffen und nun am 11.09.2011 einen geglückten Wiederbelebungsversuch gestartet. Aber abwarten, was daraus wird!

Dass nun gleich der erste öffentlich rechtliche Auftritt seit längerem ein „memorial day“ ist und dazu ein so ergreifender, ist Glück und Pech der Erstausstrahlung. Wir Zuschauer haben nun Glück und begreifen, dass uns unsere Erinnerung in Vielem gar nicht trügt. Dass wir genauer erinnern, als einige Gäste im Talk bei Günther Jauch, dass die Vergangenheit so unbegreiflich wie unglaublich war. Dieser Tage haben alle möglichen Internetseiten ihren Besuchern angeboten zu erzählen, „was hast du eigentlich am 11. September 2001″ gerade gemacht“, als es gegen Mittag mitteleuropäischer Zeit die ersten Nachrichten von einem Sportflugzeug gab, das versehentlich in einen der zwei Zwillingstürme des WTC geflogen war?

Pech und Glück für Günther Jauch, als Talkgast auch Jürgen Todenhöfer eingeladen zu haben. Der stand früher mal in Richterdiensten und verurteilte RAF-Strafgefangene, stand selbst auf Abschusslisten, wie er sagt. Stand später in Regierungsverantwortung in der Ära Kohl. Und steht heute in „viel internationaler Verantwortung“, bereist ein geschundenes, zerbombtes Land wie Afghanistan und gehört zu den wenigen Mahnern, die immer wieder gebetsmühlenartig den historischen Fehler dieses Krieges betonen. Auch wenn dies gar nicht mehr so viel Sinn macht: Denn es gibt ja jetzt (endlich) einen breiten politischen Konsens weltweit, dass das Engagement in Afghanistan beendet werden muss. Ab 2014 soll´s damit losgehen, zu recht.

Pech für die Zuschauer, dass Günther Jauch auch Jürgen Klinsmann, Fußballtrainer der Amerikaner und seit 13 Jahren „drüben“ wohnhaft, zu Wort kommen lässt. Denn buchstäblich nichts, was er sagt, trägt viel zum Erkenntnisgewinn der Debützuschauer von Jauch bei. Immer wenn „Klinsi“ was sagt, schaut man sich um und fragt sich, warum „Klinsi“ Gast ist. Und wünscht sich, dass vielleicht eher Dr. Mathias Döpfner, Vorstandschef vom Springer-Verlag noch was hinzu steuert. Für mich steht Dr. Döpfner für vieles: Für eine radikale Verjüngung der überalterten Vorstandsspitze im Springer-Verlag, für den Bruch von Tabus bei der Aufarbeitung von „schwarzen Flecken“ auf der Firmenverlagsgeschichte in Nachkriegsdeutschland, für transparentes Handeln, glaubwürdiges Veröffentlichen der Verlagsarchive zum Zwecke der Dokumentation von „Untaten“ des Springer-Verlags in Bezug auf die Studentenbewegung und vieles mehr. Mit diesem Vorstandsvorsitzenden hat der Verlag viel gewonnen.

So sehr ich Elke Heidenreich für ihr Lebenswerk verehre, so wenig konnte sie zum Themenfokus beitragen. Eine allerdings streng „pazifistische“ Grundhaltung kann man nicht bemängeln und muss verstehen, dass diese Haltung immer „alternativlos“ ist. Dabei erfahren wir noch, dass Harald Schmidt sie davor bewahrt hatte, in New York geblieben zu sein, seinerzeit. „Einem Harald Schmidt sagt man nicht ab“, sagt Heidenreich, als sie erklärt, warum sie ein paar Tage früher zurückgekehrt ist aus New York, damals. Elke Heidenreich kann nur gebetsmühlenartig sagen: „Nie wieder Krieg“ und „Es war ein Fehler“ und „Macht schnellstens Schluss damit“. Na, wenn die Wahrheit eben so einfach ist? Siehste.

Die ganze Sendung inhaliert, hatte ich am Morgen danach keinen Kater und kein schlechtes Gefühl. Allerdings hat Jauch auch den Ball flach gehalten. Zu tief ging die Sendung nicht. Dafür durften eigentlich alle ausreden, und das ist im Vergleich zu vielen anderen Sendungen doch schon mal, was wir vorsichtig „Kultur in diesem, unseren Lande“ nennen können. Dann hat die Sendung ja durchaus etwas Anständiges verströmt, wofür Günther Jauch ja unbedingt steht.

Der Sendung „Günther Jauch“ drücke ich von heute an beide Daumen, aber meine eigenen: mir selbst zuliebe, meinem Sonntagabend zuliebe und ganz Deutschland zuliebe.

Es kann eigentlich gar nichts mehr passieren - Daumen drücken!

Nein, ich sagte ja schon: Ich mag Günther Jauch und oute mich als Fan. Ich wünsche seinem (neuen) Baby, dass es erwachsen wird, respektable Quoten erarbeitet und freue mich, dass Anne Will nun um eine andere Zeit ausgestrahlt werden muss. Denn Sonntagabend hatte ich früher selten Lust, den Fernseher überhaupt mal anzuschalten. Günther Jauch wird seinen Weg bei diesem Sender, auf diesem Sendeplatz und in seiner ganz eigenen Art machen, da besteht kein Zweifel.  Es ist ja nicht jeden Sonntag ein 11. September, Gott sei Dank.

Peter Struck (SPD, Ex-Verteidigungsminister, tätschelte „dem Jungen“ Günther Jauch die Wange: „Ich finde, Sie haben das auch gut gemacht“, tröstete er Jauch. Und Günther Jauch lachte, da blitzte schnell der Schalk in seinem Nacken auf, nur sah man ihn nicht, denn der Nacken leuchtet stets auf der der Kamera abgewendeten Rückenseite.

Maße:
– Gasometer: 2.922m² mit einer Höhe von: 77m und einem ø von 61m
– Kuppelbau: 740m² mit einer Höhe von: 21m und einem ø von 30,7m
– Außenfläche: 2.000m² davon 400m² Nutzfläche zzgl. 250 Besucherparkplätze

Kapazität (auf Anfrage mit Tribünenbauten zu erweitern):
– maximal 600 (bestuhlt oder stehend)
#Fakten zum „BERLIN GASOMETER“ (Quelle: hier)

Was nun die neu entstandenen Fernsehstudios „auf dem Gasometer“ in Berlin-Schöneberg angeht, überlege ich noch einen Moment. Ich hatte ein Projekt am Start, dessen Rahmen wir mit einem Hintergrundgespräch „auf dem Gasometer“ verortet hatten. Ich wollte mich dort mit Klaus treffen, wir wollten das Gasometer besteigen und währenddessen wollte ich ihm ein paar, mir wichtige Fragen stellen, die die Gesamtberliner Kulturszene betreffen und seine Rolle hierbei. Ob das noch geht? „Jauch statt Klaus“, würde mich das erwarten? Von nirgendwo anders könnte man sich vermutlich besser in ein solches Gespräch stürzen, oder?