Rechtsanwälte: auch nur Menschen!

Ich beobachte nun seit Dekaden Rechtsanwälte. Als ich noch viel jünger war, begab ich mich in die Hände von Rechtsanwälten, indem ich ihrem Erfahrungsschatz vertraute und so Stück für Stück mein eigenes berufliches Selbstbewusstsein festigte. Bekanntlich hat unser Beruf deutliche Tätigkeitsschwerpunkte im Juristischen und versprüht zum Teil wegweisende Wirkung. Wenn Verwalter sich streiten (müssen), spricht mehrmals im Jahr der Bundesgerichtshof Recht darüber. In der Skala von eins bis hundert haben Rechtsanwälte wie Ärzte gegen hundert tendierende Werte, was das hohe Ansehen anbetrifft, das diese Berufsgruppen genießen. Inzwischen kochen auch für mich Rechtsanwälte oft nur mit Wasser, haben Streit mit ihrer Ehefrau, halten Verkehrsregeln nicht ein und, und, und …. gleichzeitig wachsen junge, unverblendete, frische Anwaltsgenerationen nach, die aus anderem Holz geschnitzt sind. Die Revoluzzer von 1968, linke Rechtsanwälte, die die Gesellschaft von innen heraus verändern wollten, sind inzwischen in ihr angekommen. Die jetzt nachwachsende Generation ist sozusagen Rechtsanwalt 2.0 (wie Web 2.0), karriereinteressiert, angepasst und sehr gut ausgebildet.  So schaffen sich alle Generationen zu ihren Zeiten ihre Bedeutung.

 

Ob ein Rechtsanwalt als ein mit Lehm gebautes Haus wie ein Fels in der Brandung dastehen soll, oder ob er kraft hervorragender Ausbildung wissenschaftliches Renommee besitzt, dessen Strahlkraft über Veröffentlichungen in der Literatur hell erscheint, liegt dabei im gewollten Selbstbild des Rechtsanwalts selbst. Denn wenn sein Wissen der Fortbildung geltenden Rechts dient, ist er eine Koryphäe. Oder auch nur dann, wenn er ständig Fortbildungsveranstaltungen, Kongresse und Symposien besucht. Beliebt zur eigenen Wertsteigerung ist das Herausbringen von Büchern und das Referent sein auf Tagungen. Denn der Deutsche liebt das Schrift gewordene und hält es für äußerst kenntnisreich. Rechtsanwalt 2.0 hält darüber hinaus Vorträge in ‚New York, Rio, Tokio‘ (berühmtes Lied). Das gibt Referenzen, und das gibt Penunse, Mücken, Kohle, Anwaltshonorar. Doch Vorsicht: Rechtsanwälte…sind auch nur Menschen! – Über eins muss sich Rechtsanwalt 2.0 im Klaren sein: Während dieser wissenschaftlichen Zeit der Vorträge und Bücherveröffentlichungen bleiben die daliegenden Mandantenakten nun mal unbearbeitet liegen.

Rechtsanwälte lassen sich kategorisieren, wie gewöhnliche Menschen. ‚Mindestens die Hälfte aller Rechtsanwälte in Deutschland hat ein massives Alkoholproblem‘, sagte mir mal ein Rechtsanwalt. Dies mag ein Hinweis sein auf die schiere Verzweiflung, mit der Anwälte zwanghaft fremde Interessen vertreten (müssen). Rechtsanwälte müssen sich in mancherlei Hinsicht prostituieren, wenn es ihnen nicht gelingt, über Würde, Autorität und beibehaltene Distanziertheit zu Mandanten zu kommen. Der Rechtanwalt 2.0 jedoch, siehe oben, vertritt in erster Linie sich selbst und seine Selbstdarstellung. Ihm fehlt (noch) das (nachwachsende) Gewissen der Älteren, die manchmal zwar weniger gute Fachbildung auf der Höhe der Zeit besitzen. Oft sind juristische Streitereien aber nur Überlagerungen, Versetzungen, Verschiebung von Problemen auf Gebiete des Rechts, und das nennt man die Psycho-Logik, von der Rechtsanwalt 2.0 noch zu wenig weiß. Gefühlte Solidarität mit Mandanten ist den Älteren oft weniger fremd, als den gewissenlosen Karrieristen, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Der Anwaltsberuf hat aber dieses Zwangshafte des nervigen Mandanten: der Anwalt kann sich oft den Begehrlichkeiten der Mandantschaft nicht entziehen. Denn dafür bräuchte man schon menschliche Integrität, und auch die wächst erst mit den Jahren nach, wenn Rechtsanwalt 2.0 wirklich erwachsen geworden ist. Der Anwalt vertritt vom Anspruch her die Mandantschaft stets global und allumfassend. Was aber, wenn die Mandantschaft neurotisch, justizverliebt, querulatorisch und mehr als anstrengend ist?

Rechtsanwalt 2.0 gibt oft Empfehlungen, ohne die wirklichen Folgen zu bedenken. Denn dafür fehlt ihm die Erfahrung und die Einsicht in die Notwendigkeit, über den Tag hinaus zu denken. Seine Empfehlung ist effektheischend für den Moment und das Hier und Jetzt und hält auf Dauer und bei nachträglicher, gründlicher Betrachtung oft nicht über einen längeren Zeitraum. Solchen Gedanken fehlt die Nachhaltigkeit.

In der Rechtsanwaltsszene gibt es das Herdentier und den Einzelkämpfer. Im Herdentier erblicken wir den Rechtsanwalt, der in einer größeren, überörtlichen Sozietät tätig ist als Angestellter oder als Partner – als -nicht wörtlich übersetzen: ‚brother in law‘. Er ist eingebettet in ein mehr oder minder gut funktionierendes Gesamtsystem und muss globale Rechtskenntnisse gar nicht besitzen. Der Trend zur Zeit besteht in der notwendigen Spezialisierung. Inzwischen dürfen Rechtsanwälte daher auch in festgelegten Grenzen werben und Tätigkeitsschwerpunkte auf ihrem Briefbogen nennen. Das Herdentier Rechtsanwalt verweist bei Bedarf und wie eine Website für Anfragen funktionierend an den Spezialisten fürs Angefragte, ‚gimme a link‘. Hier steht nicht der Mensch im Mittelpunkt, der Mandant, der zu vertreten ist, sondern die Sache und ihre Schubladisierung. Rechtsanwalt 2.0 muss nicht mehr mitfühlen, sondern er sieht den Bedarf einer rechtlichen Problemklärung oder auch nicht. Er eignet sich die Mandatsanfrage zur Optimierung des Jahresergebnisses seiner Kanzlei an, denn: ‚Wir bieten Fullservice in jeder Kategorie ausübbaren Rechts.‘ So bleibt der Mandant immer im Dunstkreis der Kanzlei und wird bei jeder denkbaren Fallgestaltung ausübbaren Rechts immer von denselben Mitverdienern gemolken. Das 11. Gebot lautet daher: Du sollst nicht andere Rechtsanwälte neben mir haben! – Ganzheitliche Vertretung.

Und Rechtsanwalt 1.0 ?

Daneben gibt es eine große Anzahl von sogenannten Einzelkämpfern bzw. Klein-Kanzleien. Dort herrscht anders als bei Großkanzleien keine von vornherein erkennbare Blutarmut. Der Einzelkämpfer-Typus muss mehr als der Großkanzlei-Mitarbeiter in die eigene psychologische Ehrlichkeit eintauchen und sich permanent fragen (lassen), ob er ein Mandat auch wirklich übernehmen kann? Der ‚Wald-und Wiesenanwalt‘, der Anwalt, der den Mandanten in jeder nur denkbaren Unterart von geltendem oder zu schaffendem Recht vertritt, schreibt schlimmstenfalls krudes Zeug in seine Schriftsätze, und nicht nur die angerufenen Richter schütteln dann den Kopf. Schließlich dienen die Gerichtsflure nicht dazu, den Erwerb von notwendigen Mindestkenntnissen -bezahlt mit Mandanten- und Steuergeldern- beim vertretenden Rechtsanwalt zu fördern. Eigentlich ist ein Gerichtsverfahren nicht dazu da, rechtliche Grundfragen zu erläutern und allgemein bekanntes Wissen zu vermitteln. Im Streitfall liegt der Einzelfall, der bislang ungeklärt ist – sei es auf Mandanten- oder auf Anwaltsebene. Die Justizverwaltung arbeitete nachweislich noch niemals kostendeckend und von den zu erwägenden Rechtskosten muss der Mandant gedanklich für die Gerichtsgebühren viel weniger erübrigen, als für das Anwaltshonorar. Der Anwalts-Einzelkämpfer ist dabei ständig im Zwiespalt mit sich selbst, und entweder er wird verrückt, oder er überschätzt sich oder er ist ein äußerst guter Selbstkenner. Im letzteren Fall verweist er wie der Großkanzlei-Anwalt möglichst zutreffend an kanzleifremde Spezialisten, die er entweder aus der gemeinsamen Squash-Mittwochsrunde kennt oder aus gemeinsamen Studienzeiten. ‚Gimme the link‘.

Wohin sich ein Rechtsanwalt sein berufliches Streben steckt, ob in eine Großkanzlei oder in ein Mikrobüro, hängt oft von Zufällen ab. Es gibt ganz ausgezeichnete Spezialisten in äußerst kleinen Kanzleien, die menschlich-psychologisch so auf der Höhe sind, dass sie die Mandanteninteressen vortrefflich vertreten. Und es gibt Großkanzleien, in denen findet sich kaum juristischer Sachverstand zu einem Spezialgebiet. In Großkanzleien werden Stellenausschreibungen nach dem Arbeitsmeeting ausgelobt, weil festgestellt wurde: ‚Wir haben ganz vergessen, noch einen Experten für Wohnungseigentum einzustellen!‘ Ach ja! Denn unser Wohnungseigentumsrecht ist und bleibt ein Spezialgebiet mit notwendigen Spezialkenntnissen. Und deshalb kann unsere Interessen wirklich nicht jeder Rechtsanwalt vertreten. WEG-Recht ist ein Recht mit Drang zur Spezialisierung. Zwangsvollstreckungsrecht nicht minder. Die Grenzen des Zwangsvollstreckungsrechts durchkreuzen sich in der alltäglichen Praxis von uns wegen ausbleibendem Erfolg zum Beispiel mit Fragen aus dem Gesellschaftsrecht, denn ‚Wie mache ich die Firma xy GmbH platt, wenn sie zur Durchkreuzung von Zwangsvollstreckungsstrategien auftritt?‘ – Und da merken wir auch deutlich: Der Rechtsanwalt 2.0 kann da auch keineswegs gut mithalten, wenn er davon keinen blassen Schimmer hat. Nur sagt er das nicht ehrlich, wegen seinem Globalanspruch. Das deutsche Recht ist ein weites Feld…und der Bloggwart spürt den Bedarf, über Rechtsanwälte nochmals intensiver nachzudenken. Demnächst vielleicht….

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