Reportagen: Das Leben der anderen | Wohngemeinschaften

Das Leben der anderen...

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‚Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!‘

Wohngemeinschaften: Sie waren zunächst Feldversuche menschlichen Zusammenlebens und gründeten sich aus den Wehen der wilden Sechziger Jahre. Ihre erste offizielle nannte sich denn auch Kommune I und befand sich in Berlin-Schöneberg. Das war zunächst spektakulär und medienwirksam. Die Alt-Kommunarden Rainer Langhans und Uschi Obermaier haben bis heute Popstar-Status, vor allem unter ‚altgewordenen 68-ern‘. Noch heute probt Rainer Langhans das Zusammenleben lieber im Quartett, wovon er den männlichen Part gibt, während drei Frauen seine Liebesobjekte sind, mit denen er Bett, Stuhl und Küche teilt. Wir haben nicht erfahren, ob die eine der drei Frauen eher für das Kulturelle zuständig ist, während die andere besser kocht, und ob etwa die dritte Frau diejenige ist, mit der die körperliche Ertüchtigung besonders vorzüglich klappt. Das tut für uns heute, aufgeklärterweise, auch nicht mehr unbedingt viel zur Sache. Sie verstanden sich als soziale Revolutionäre, und das waren sie auch. Ihre Experimente, das bürgerliche Wohnen und das Institut der Ehe als langweilige Form einer Art menschlicher Verhaftung zu entlarven, haben auch bei Architekten und Stadtplanern zu anderen Entwürfen für Wohnungen und Reihenhäuser geführt. Unter dem Dach der evangelischen Kirche entstand so beispielsweise 1976 in Berlin-Zehlendorf eine Reihenhausanlage, in der den Menschen ein ganzes Dorf zur gemeinschaftlichen Nutzung angedient wurde. Es gibt die Rückzugsstätten für das bürgerliche (oder freie) Leben, die Einfamilienhäuser, die in ihrer Ausstattung den förderungsfähigen Wohnflächen und Standards im sozialen Wohnungsbau entsprechen. Doch darüber hinaus gibt es den gemeinschaftlichen Dorfplatz, und noch heute laufen dort morgens (inzwischen älter gewordene) Menschen im Bademantel und mit Latschen herum. Sie sind auf dem Weg ins gemeinsame Schwimmbad. Neben dem Schwimmbad bewirtschaften die Wohnungseigentümer auch eine gemeinschaftliche Sauna und ein Gemeinschaftshaus steht den Menschen zur Nutzung zur Verfügung. Dort veranstalten einige auch Bauchtanzseminare. Es ist zusammengefasst ein ganz liebreizendes, gut gedachtes Modell vom Zusammenwohnen, das sich hier abspielt. Im Unterschied zur Kommune I in Berlin-Schöneberg, die am 1. Januar 1967 gegründet wurde, ist aber die beschriebene Wohnanlage 1976 schon mit einer Vielzahl von durchdachten Anpassungen entwickelt worden. Und das Ganze hat sich -rückblickend betrachtet- durchaus bewährt und seine Berechtigung bewiesen, allen anderslautenden Unkenrufen zum Trotz.

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Die Bewohner sind zu großen Teilen aus dem beamteten Universitätsbereich, in kirchlichen Dingen hoch engagiert und auch gesellschaftlich-politisch ‚wilde Gesellen‘, deren Demokratieverständnis äußerst tiefgehend ist und teils auch durch ‚ausdrücklich erwünschte Basisdemokratie‘ vertieft wird. Das kann nervig sein, wenn wieder eine Eigentümerversammlung ansteht. Es kann nämlich sein, dass allein schon der Tagesordnungspunkt ‚Formalia‘ ausladend und tiefgehend diskutiert wird. Zeitfenster: mindestens eine halbe Stunde. Oder länger. Aber das macht nichts. Manchmal ist Atmosphäre dann einfach gut, weil solche Tagesordnungs-Diskussionen häufig auch ‚reinigenden Charakter‘ haben (können, nicht müssen). Es kommt auf die Stimmung an diesem einen Tag der Versammlung an.

Wohngemeinschaft ist das allerdings nicht. Denn Wohngemeinschaft bezeichnet inzwischen, als Begriff längst in die Jahre gekommen, nichts Politisches, gesellschaftlich Welt bewegendes. Vielmehr ist Wohngemeinschaft heute in erster Linie eine Frage der wirtschaftlichen Ersparnisse, der Pragmatik, sich Lebensräume, wie Wohnungen aufzuteilen, zu etwa vergleichbaren, gerechten Bedingungen. Die Rahmenbedingungen einer Wohngemeinschaft müssen grundlegend geklärt sein:

– Wer darf, und wer darf auf gar keinen Fall in die Wohngemeinschaft (WG) mit einziehen?

– Wer ist ‚Chef‘ (Hauptmieter) und wer ist ‚Zugereister‘ (Untermieter)?

– Wie wird die anteilige Fläche finanziell gerecht abgegolten?

– Wie ist die Nutzung der gemeinschaftlichen Bereiche (Flur, Küche, Klo, Keller) inhaltlich geregelt?

– Darf im Stehen gepinkelt werden? (siehe Video ganz oben)

– Müssen bestimmte Tageszeiten als Ruhezonen oder zur Ausübung eigener Religionen eingeräumt werden?

Bitte im Sitzen pinkeln!

Bitte im Sitzen pinkeln!

Die heutige Praxis, in Wohngemeinschaften miteinander zu wohnen, ist unspektakulär, pragmatisch und orientiert sich nicht mehr an politischen Zielvorstellungen, ist also unideologisch geworden. Ein allgemeiner, gesellschaftlicher Trend bei deutschen Hausverwaltungen, etwa problemlos Wohngemeinschaften vertraglich zu konstruieren, dürfte auch heute noch eher die Ausnahme als die Regel sein. Denn eine Wohngemeinschaft ‚aus Betreiben eines Hausverwalters‘ auszugründen und vertraglich mit ganzheitlich, gleich strukturierten Rechten aller WG-Mitbewohner ist ein ständiges ToDo in der täglichen Hausverwalterpraxis. Susi geht und Peter kommt, Max zieht nach München und Vanessa zieht mit ihrem Liebsten zusammen. Oder Vanessas Liebling zieht einfach mit ein und die anderen sind genervt. Er frisst immer den Kühlschrank leer, ohne auf die fest verabredete Realteilung der Kühlschrankfächer zu achten. Und, was viel schlimmer ist: Er macht sich lustig über das Schild ‚Bitte im Sitzen pinkeln‘. Er hat so ein zweites davon aufgehängt, das hat die anderen sehr geärgert.

Schließt die Hausverwaltung -ausnahmsweise- doch selbst die jeweiligen Mietverträge im Rahmen einer solchen Wohngemeinschaft, ist das ganze Konstrukt verwalterisch mächtig in Bewegung. Denn es werden immer selbständige Hauptmietverträge ausgestaltet und abgeschlossen. Herr über das Ganze ist die Hausverwaltung. Die Bewohner haben nur wenige gemeinsame, rechtliche Berührungspunkte und können sich untereinander kaum auf Rechte in Anspruch nehmen. Wenn was viel häufiger der Fall ist, einer der ’spiritus rector‘ (Hauptmieter) ist, sieht die Sache anders aus. Dann schließt jener Untermietverträge. Einem deutschen Rechtsgrundsatz folgend, darf dieser dann nicht mehr Rechte einräumen, als ihm nach den Buchstaben seines Hauptmietvertrages zusteht. Denn im Verhältnis zum Vermieter haftet der Hauptmieter einer Wohnung seinem Vermieter gegenüber für das Verschulden seiner Untermieter. Derartige Untervermietungen dürfen auch nicht ohne jegliches Mitwissen des Vermieters abgeschlossen werden. Der Vermieter hat Anspruch auf Kenntnis der Personalien des Untermieters, denn er darf wissen, wer in seinem Haus ständigen Wohnsitz nimmt. Der Vermieter darf auch einen angemessenen Untermietzuschlag fordern. Während sich einerseits in der großen Mehrzahl Wohngemeinschaften vornehmlich mit jüngeren Menschen bilden, die sich ihre finanziellen Rahmenbedingungen für das Wohnen erträglich gestalten möchten, tritt in letzter Zeit auch immer mehr das gemeinschaftliche Wohnen von alleinstehenden, älteren Menschen hinzu. Sie wünschen sich, nicht mehr so allein zu wohnen und lediglich nur die Gardinensäume anzustarren. Das nimmt in letzter Zeit zu. Viel zu viele alte Menschen sind mutterseelen allein, weshalb auch das Büro Gotthal dieses ein ‚Methusalem Kompott‘ nennt und zur Wahrnehmung von sozialen Patenschaften hier aufruft. Derartiges wäre wohl nicht notwendig, wenn sich mehr alte Menschen dazu entschließen würden, mit anderen Gleichaltrigen (oder jüngeren) zusammen zu wohnen.

Die besonders große Zahl von Single-Haushalten in Berlin hat ihren Ursprung in der zunehmenden elektronischen Vergesellschaftung und Vernetzung von Menschen, die -anstatt sich gut zu vertragen- immer größere Rückzugsgebiete und Ersatzleben in den elektronischen Weiten von Internet, Privatfernsehen und anderen Massenmedien finden. Hier wird ihnen vorgegaukelt, dass alle Menschen schön sind und auch hässliche Entlein leicht einen Erpel finden. Auf der Suche nach Zweisamkeit vergessen Menschen, auf die Straße zu gehen und andere Menschen kennen zu lernen, sie lediglich einfach nur anzusprechen und sich zu verabreden. Denn auf der Straße kommen die Menschen immer schwieriger ins Gespräch. Sie sind zu sehr abgelenkt, auch von Mobiltelefonen, die sie sogar in der U-Bahn gedankenlos nutzen, um vermeintlich nahen Freunden mitzuteilen, sie befänden sich jetzt gerade hier in der U-Bahn. Wie unwichtig.

Alte Menschen (Kampagne) Quelle gotthal.de

Alte Menschen (Kampagne) Quelle gotthal.de

Je älter die Menschen werden, vereinsamen sie zunehmend, denn es fällt ihnen immer schwerer, noch Kompromisse einzugehen und sich Partner auszusuchen, die ihren hohen Standards das Wasser reichen können. Insofern wäre es daher nicht schlecht, wenn sich jetzt mehr und mehr neue Wohngemeinschaften bilden, in denen Menschen wieder mehr lernen, anstatt ein Single-Dasein zu fristen, die Kompromisse gemeinsamer Lebensführung auszuhalten. Wegen der starken und immer mehr zunehmenden, ausgesprochen ausgeglichenen Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt stehen gerade für ein solches Vorhaben die Chancen sehr gut. Denn ein großes Angebot an bezahlbaren Wohnungen, deren Vermieter lernen müssen, weitere Zugeständnisse zu machen, um ihre ‚Hütten‘ überhaupt noch vermieten zu können, ist auch eine große Chance für die Gründung von (neuen) Wohngemeinschaften. Daneben gibt es noch andere, ganz reizvolle, neue Formen künftigen Zusammenlebens. gesichtspunkte.de wurde kürzlich beispielsweise auf das Projekt eines Mehrgenerationenhauses in der Schönholzer Str. in Berlin-Mitte aufmerksam, dass durchaus als Modellcharakter bezeichnet werden kann. Das Bauvorhaben kann hier virtuell besucht werden. In der Objektbeschreibung heißt es wie folgt:

Zitat Objektbeschreibung: Mehrgenerationenwohnen in Passivhausbauweise, generationsübergreifend, sozial gemischt, nachbarschaftlich orientiert. Das Projekt besteht aus jungen und älteren Menschen, Alleinerziehenden und Familien mit Kindern. Im EG steht eine Einheit für eine wohnungsverträgliche gewerbliche Nutzung zur Vermietung.“ (Zitat Website)

Das Objekt ist als Eigentumswohnanlage konzipiert. Und da sich die Projektanten ausgedacht haben, dass tatsächlich mehrere Generationen, ja Opa und Oma, Mutter, Vater und Kind dort unter einem Dach leben sollen, wurden deren besondere Belange im Angesicht individueller Bedürfnisse mitgeschnitten. So wird beispielsweise dem Umstand Tribut gezollt, dass ältere Menschen möglicherweise nicht mehr so viel Interesse haben, noch Eigentum zu erwerben und damit Kapital zu binden. Für diese Gruppe von wünschenswerten Bewohnern gründeten die Gesellschafter auch eine Genossenschaft, an der diese Menschen Anteile erwerben wollen. Solche innovativen Projekte kann man daher durchaus als Modelle für künftiges Wohnen begreifen.

Weiterführende Links

LUU – Living in Urban Units

Weblog des Wohnprojekts Schönholzer Str.

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