Anschreiben lassen, im "Glaube Liebe Hoffnung"

2001/14: Positionen: Worte die wie im Krieg zu sein klingen – Glaube, Liebe, Hoffnung

Positionen


Tim Bendzko – Wenn Worte meine Sprache wären

Am Berlin-Charlottenburger Klausener Platz ist in der Neufertstr. das Lokal „Glaube Liebe Hoffnung“. Jörg vom GLH macht eine peruanisch inspirierte, leicht säuerliche Ceviche, ein Gericht aus rohem Fisch, wobei das besondere ist, dass der Fisch im Limettensaft „gart“,  durch Säure. Wer dieses Gericht zubereiten kann, ist zu beglückwünschen. Es ist ein Sommergericht eigentlich. Seit kurzem ist diesbezüglich schon Sommer, denn ab Anfang April befindet sich Ceviche auf dem Speisenplan von Glaube, Liebe, Hoffnung.

Am Abend, als ich dort einkehre, um eine Großportion zu schnabulieren, sitzt auch Heike (* Name geändert) dort. Sie ist 29 Jahre alt und sie sagt, sie macht aus ihrem Alter kein Geheimnis. Weil ich mehrfach nachfragen muss, bevor sie erst einmal sagt: „Was denkst du?“ und ich sage: „Also, ich bin 51 Jahre alt und mache kein Geheimnis daraus“, sagt sie es dann -endlich-, ein bisschen mit Widerwillen. Dass Heike meine Ceviche trotz Aufklärung immer wieder mit „Du schlürfst deine Linsensuppe, was?“ kommentiert, beleidigt nicht mich, sondern den Könner an Pfannen und Töpfen. Irgendwann nervt´s.

Der Foto-Nachbar © Markus Winninghoff , 2014 http://winninghoff.net

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Banner FotocreditsMarkus Winninghoff © 2014 hier

Der Verstand lässt uns beim Nachdenken vielerlei Ausdeutung. Wir können alles, was wir denken, auf die eine Weise betrachten. Oder auf eine ganz andere. Die Quintessenz ist: Wir sollten uns davor fürchten, vorschnell zu urteilen.

Den Abend über ist Heike ziemlich anstrengend. Sie zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich und weniger als alles ist nicht erlaubt. Ich könnte sagen: „Halt den Mund.“ Aber sie redet doch weiter, in ihrem plappernden Singsang, indem vieles witzig sein soll, und alles muss gut hörbar sein, für jeden. Es sind immer so Anpiekser unter den, den Raum erfüllenden Sprüchen und Zoten, die für jemandem sind, der sie hören soll, nein muss, der sich ihnen nicht entziehen kann. Ich spiele das Spiel mit.

Sie gehört zu jenen jungen Frauen, die einen ganzen Abend lang Popsternchen sein möchten, ohne selbst zu sehr in zu persönliche Risiken hinein zu manövrieren. Aus dem Ruder gelaufen, geschwätzig und die gesamte Umgebung auf sich aufmerksam machend. Sie ist mit einem polnischen Arbeitskollegen heute hier eingekehrt. Er ist ein Netter, scheint mir, auf Nachfrage 39 Jahre alt und wie sie im Krankenhaus arbeitend. Pflegeberuf. Geduldig reden wir zunächst über die Vielzahl von muttersprachlichen Idiomen. Was ist ein Kiez? Gibt es das auch in Polen? Wem würden wir gern den Hintern versohlen?

Im Verlauf des Abends entspinnt sich zwischen Lukacz Popolski (*) und Heike Mittenmang (*) eine intensiver anmutende Verstärkung ihrer kollegialen Zuneigung zueinander. Später werden sie miteinander fummeln und rumbusseln.

Ich sitze allein an meinem Tisch, habe ein Tablet dabei und surfe durch soziales Netzgelump, lese ein paar Artikel und warte auf mein Fischgericht aus Peru. Es ist einigermaßen unmöglich für mich, bei meiner Sache, bei mir selbst zu bleiben. Am Tisch links von mir ist ein Mann mit Laptop eingekehrt, akkreditiert, der, wie als schriebe er an wissenschaftlichen Arbeiten, konzentriert einer Sache zu folgen versucht: der eigenen. Dass er so höflich ist zu antworten: „Ach, da habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht“, lässt mich aufschauen.

Heike hat jetzt den gesamten Gastraum, bestehend nun aus vier Personen, fest in ihrer Umklammerung. Sie entertained uns, ich schwanke (nicht vom Bier) die ganze Zeit zwischen „sie hat einen an der Waffel“ und „nettes Frauenzimmer“. Jürgen von der Lippe trägt Hawaihemden und bietet Normalbürgern Unterhaltung auf der Ebene vom gefestigten Lehrer-Halbwissen an, das macht ihn erfolgreich und er fragt gerne: „Wat iss?“ Eins ihrer Themen, die sie wichtig findet, ist die Frage: „Was ist ein Spießer?“

Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe. Wenn dies alles bei euch vorhanden ist und wächst, dann nimmt es euch die Trägheit und Unfruchtbarkeit, sodass ihr Jesus Christus, unseren Herrn, immer tiefer erkennt. (2 Petr 1,5–8 EU)

Wir suchen nach Worten und Begrifflichkeiten. „Spießer“ können wir alle unterschiedlich erklären, das Tablet hilft und man kann bei Wikipedia nachsehen. Die zwei Alleinstehenden (ich und der Mann gegenüber links) einigen uns einigermaßen schnell, Spießer sind Menschen, die wie in ihren zu festen, bürgerlichen Konventionen leben.

Ceviche im GLH, Berlin (Foto: eigene, auf foodspotting.com)

Ceviche im GLH, Berlin (Foto: eigene, auf foodspotting.com)

Heike warf den ersten Stein. Es ist störend, dass sie die Antwort nicht interessiert. Sie fasst das Ergebnis zusammen, und sie ist bereits dabei, die gewesenen Wortbeiträge aller anderen zu verwerfen, für ungültig zu erklären. Sabbelt irgend was von „Das sind ganz schlimme Leute“. Aha. Du mich auch. Mich nervt das und ich warne sie, sich zu sehr mit Spießern zu beschäftigen und Definition zu betreiben. Wer sich über andere hinweg setze, indem er sie als Spießer abwerte, sei am Ende manchmal selbst einer.

Oder hätte so gar kein Selbstwertgefühl.

Für mich bestätigt sich im Verlaufe dieses Abends bald, dass sie ein Problem mit sich selbst hat. Sie teilt die ganze Zeit ordentlich aus. Mein Freund Olaf gesellt sich hinzu, er war auf einem Kiezkonzert und hat noch den Weg hierher gefunden. Aber was ist ein Kiez?

Nach kurzer Zeit ist er mittenmang. Nun sagt Heike so Sachen wie: „Der Einzige, den ich hier mag ist Olaf, der verstellt sich nicht.“ und an mich gewendet: „Du hast kein Selbstwertgefühl“, auf Nachfrage von mir „Warum?“ flüchtig „Wie Du so rüber kommst.“ Sie lässt das nicht stehen, um darauf noch entgegnen zu können, sondern wechselt schnell das Thema. Ich versuche noch „Warum?“ einzuwerfen. Darauf will sie nicht antworten. Sie findet das so widerwärtig, wie in der Nase popeln.

Ein richtiges Früchtchen ist sie. Ich beschließe insgeheim, es mit einer ganz verrotteten Person zu tun zu haben und wende mich von ihr ab, fange an, ihre Beiträge zu ignorieren. Sie verletzt die Anwesenden, auch mich, mit ihrem plappernden Duktus, der wie ein Wasserfall ist, bar jeder schöpferischen Selbsterkenntnis. Nach einer Weile merkt sie, dass sie nicht mehr Mittelpunkt ist. Sie setzt nach, holt ein letztes, schweres Schwert aus ihrer Scheide und sticht zu, auf mich ein. Sie sagt:

Du mit diesem ganzen geschwollenen Zeug, das Du redest.

Ich bin perplex. Was habe ich gesagt, was man „als geschwollenes Zeug“ betrachten könnte? Ohne darüber allzu viele Worte zu verlieren, fällt mir einiges ein. Ist geschwollen am Ende die „Summe aller Worte“ und zu kompliziert? Wer kann was für einen Wortschatz, denn es ist doch ein Schatz, mehr als zu wenige Worte für Versuche zu besitzen, die Sprache als Kommunikationsmittel einzusetzen. Also nicht als Waffe, sondern zur Verständigung.

Ich hörte kürzlich in einer Kindersendung auf „Radio Teddy“, dass die deutsche Sprache ungefähr 320.000 Worte besäße. Die französische rund 50.000 weniger, englisch viel mehr. Genaue Zahlen erinnere ich nicht. Ein durchschnittlicher Mensch besäße einen Wortschatz weit unter dieser Zahl. Der alte Geheimrat Goethe sei von der Wissenschaft der Sprachen mit rund 80.000 benützten Worten als so etwas wie ein Sprachgenie vermessen worden. Wir sind hier heute Abend offenbar nicht in der Gesellschaft für deutschen Sprache, sondern in „Gesellschaft für geschwollene Sprache“, jedenfalls ihrer Meinung nach.

„Geschwollenes Zeugs reden“, das ist eine Art, sich jemanden herunter zu holen auf den eigenen, etwas begrenzteren Wortschatz, das eigene Niveau, indem der Mensch den Wortschatz des anderen als zu „umfangreich“ empfindet. Zu viele Worte für „Alter“, „Scheiße“, „geil“ oder was weiß ich. Der Mensch im ungeübten Auslieferungszustand an der Straße und im Ghetto. Der mit rund 2.000 Wörtern beherrscht.  „Muss mal Ahah“ oder „Geh mal kacka“. Auf der Straße existiert die Macht der differenzierenden Worte nicht, hier wird gehandelt, nichts erklärt und allenfalls grobmotorisch gesagt „Ich da“ und „Du weg“. So ist sie also.

Anschreiben lassen, im "Glaube Liebe Hoffnung"

Anschreiben lassen, im „Glaube Liebe Hoffnung“

Wenn Worte meine Sprache wären, müsste ich jetzt sagen, dass ich sie für zu dumm halte für ihre 29 Jahre, an Lebenserfahrung nicht wohlgelitten, in ihren Ausdrucksmöglichkeiten zu begrenzt. Weil sie versucht, mich mit ihren begrenzten Worten und Einflußmöglichkeiten zu beeinflussen, dämlicher zu sein, als ich in Wirklichkeit bin. Es hätte ausgereicht zu sagen: „Ich mag dich nicht, ich habe im Zusammensein mit Dir kein gutes Gefühl, warum auch immer.“

Du glaubst, die Menschen zu lieben. Du liebst, die Dinge zu wissen. Du hoffst, sie werden dich lieben. Glaube, Liebe und Hoffnung sind drei Eckpfeiler des Lebens, und ist ein Restaurant in Berlin-Charlottenburg mit überwiegendem Kneipencharakter, allerdings gepflegt und mondän, was die angebotene Küche betrifft. Nicht mit Mondamin. (hier)

Es ist an einem solchen Abend schwierig, ganz bei sich zu bleiben. Zuviel spielt hinein, Worte, Widerworte, Dinge, die man sagt, die beim anderen etwas Tragweite auslösen. Die Tatsache, dass sie versucht, auf mich kriegsbeherrschenden Einfluss auszuüben, um mich ganz klein zu machen, zeigt mir, dass ihr Selbstbewusstsein total zerstört sein muss. „Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben.“ Dieser Spruch gilt jetzt für beide Parteien. Auch nach diesem Artikel.

Weswegen für mich der Abend gelaufen ist. Sie sagt am Ende nicht einmal „Tschüss“, die …dumme Pute.

Gack gack.

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