

Man weiß nicht genau, bis wohin das Umland Berlins als Speckgürtel reicht. Wien? Leipzig, Dresden, New York City, Casablanca oder Magdeburg? In Deutschland quälen Menschen besondere Sorgen. In seiner Buch-Neuerscheinung Der Ritt auf dem Oktopus nimmt Buchautor Prinz Rupi Mikrodramen unter die Lupe. Hohe Relevanz und deutsche Wirklichkeit 2026 am Beispiel der Bestellung einer Biotonne zeigen, welche Vorgänge sich mühelos aneinanderreihen. Bis die Biotonne dann doch nicht kommt. Ein Survey: Wie zufrieden waren Sie? Aber ganz genau so. Es ist ein vergnügliches Lotterleben im bewohnten Mehrfamilienhaus.
Der Amtsschimmel
Mit »Der Ritt auf dem Oktopus« erscheint rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse das neue Buch von Prinz Rupi. Auf 192 Seiten versammelt der Band groteske Geschichten über jene Momente, in denen der ganz normale Alltag plötzlich die Beherrschung verliert. In »Der Amtsschimmel« genügt der Wunsch nach einer kleineren Biotonne, um einen Strudel aus Passwörtern, Formularen, Eigentümerzustimmungen und Vorgangsnummern auszulösen. Am Ende steht wieder eine große Tonne vor der Tür – und die Erkenntnis, dass der eigentliche Gegner nicht die Behörde ist, sondern der Vorgang.
Ich wollte eine kleinere Biotonne bestellen. Unsere bisherige fasste hundertzwanzig Liter. Das war für eine große Familie angemessen gewesen, doch inzwischen produzierten wir deutlich weniger Biomüll und stellten Woche für Woche einen nahezu leeren Behälter an die Straße. Ich wollte ihn gegen einen kleineren austauschen. Kleinigkeit, dachte ich. Doch das erwies sich als ein naiver Gedanke.
Auf der Internetseite unseres Entsorgungsbetriebs fand ich unter »Bürgerservice«, »Abfallwirtschaft« und »Behältermanagement« einen Link mit der vielversprechenden Überschrift: »Tonnengröße ändern – einfach online.« Wie praktisch, dachte ich. Wozu gibt es das Internet, wenn nicht, um lästige Behördengänge mit wenigen Klicks zu erledigen? »Willkommen im digitalen Bürgerportal«, stand dort. »Wir machen Verwaltung einfach.«
Zunächst musste ich eine Reihe von Cookies akzeptieren und siebenunddreißig Seiten Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis nehmen. Ich bestätigte, alles gelesen und verstanden zu haben. Das war gelogen, aber anders kam ich nicht ins System.
Nun sollte ich mich identifizieren. Dazu benötigte ich meinen Personalausweis mit freigeschalteter Onlinefunktion, ein NFC-fähiges Mobiltelefon, die Ausweis-App und meine sechsstellige PIN. Die wusste ich nicht mehr. Unter »PIN vergessen?« erfuhr ich, dass ich eine neue beantragen könne, wozu ich mich identifizieren müsse. Mit einer Super-PIN. Nach längerem Suchen entdeckte ich die Alternative, sie persönlich im Bürgeramt zurücksetzen zu lassen. Allerdings waren für dieses Anliegen keine Termine verfügbar. Man empfahl mir den komfortablen Onlinedienst. Ich begann, die Biotonne mit anderen Augen zu betrachten. War sie doch nicht zu groß? Aber mein Ehrgeiz war geweckt.
Über ein Servicekonto gelangte ich ins Bürgerportal. Das Passwort musste mindestens zwölf Zeichen, Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Sonderzeichen enthalten. Ich erfand eines, denn mit Worten kann ich umgehen. Das System nannte es unsicher und lehnte ab. Ergeben ergänzte ich zwei Ausrufezeichen, eine Jahreszahl und ein Wort auf Sanskrit. Nun war es sicher. Ich sollte es zur Sicherheit erneut eingeben. Doch mittlerweile hatte ich es längst wieder vergessen. Nach endlosen Versuchen besaß ich ein Bürgerkonto und gelangte zum eigentlichen Antrag. Dort wurde gefragt, ob ich Eigentümer, Mieter, Pächter, Erbbauberechtigter, Hausverwalter, Verfügungsberechtigter oder »sonstiger Nutzungsberechtigter im Sinne der Abfallsatzung« sei. Ich war Eigentümer. Das erschien mir unkompliziert. Das System verlangte die Grundstücksnummer, die Adresse genügte nicht. Ergo suchte ich im Grundbuch nach Gemarkung, Flur und Flurstück und hantierte mit Zahlen, die offenbar seit Friedrich dem Großen darauf gewartet hatten, bei der Verkleinerung einer Biotonne wieder Bedeutung zu erlangen.
Ergänzend wollte das Portal wissen, warum ich die Tonne verkleinern wolle. Ich wählte aus den vorgegebenen Optionen »Verringerung des Abfallaufkommens«. Darauf erschien die Aufforderung, diese Verringerung zu begründen. Ich schrieb: »Wir haben weniger Biomüll.« Das war dem System zu wenig. Ergeben formulierte ich: »Aufgrund veränderter Lebens- und Ernährungsgewohnheiten ist das in unserem Haushalt regelmäßig anfallende Volumen kompostierbarer organischer Abfälle deutlich zurückgegangen.« Damit war das System zufrieden. Anschließend wollte es wissen, wodurch sich unsere Lebengewohnheiten verändert hätten. Ich schrieb: »Wir essen weniger.« Sofort leuchtete ein Warnhinweis: »Bitte keine gesundheitsbezogenen Angaben!«
…

Der Ritt auf dem Oktopus« handelt von Bürokraten und Bildungsbürgern, Gourmets und Kunstkennern, Erben, Hotelgästen und Feiernden. Vor allem aber handelt das Buch von uns allen.
Weiterhin sollte ich erklären, wie viele Personen im Haushalt lebten. Weshalb die Behörde, die mir regelmäßig Gebührenbescheide schickte, dies nicht wusste, blieb unklar. Ich lud eine Meldebescheinigung hoch. »Dateiformat nicht zulässig.« Es war eine PDF-Datei. Erlaubt waren PDF-Dateien, doch die Datei war zu groß. Nach der Komprimierung galt sie als unleserlich. Ich fotografierte die Bescheinigung, wandelte das Foto wieder in eine PDF-Datei um, verkleinerte diese und lud sie hoch. Das wurde akzeptiert.
Ich empfand die Freude eines Bergsteigers, der nach tagelangem Aufstieg durch Nebelwände erstmals den Gipfel sieht.
Doch das Portal kannte keine Gnade und verlangte eine Erklärung zur Eigenkompostierung. Ich betrieb keine. »Entfällt« war dennoch unzulässig, denn es handelte sich um ein Pflichtfeld. Ich klickte auf »Nein«. Darauf erschien die Frage: »Warum erfolgt keine Eigenkompostierung?« Ich schrieb: »Weil ich keinen Komposthaufen habe.« Das System verlangte Präzisierung. »Ich besitze keinen Komposthaufen« reichte aus. Danach musste ich bestätigen, dass die kleinere Tonne für unser Abfallaufkommen ausreiche, dass ich bei Mehrbedarf wieder eine größere beantragen müsse und dass eine missbräuchliche Verringerung des Behältervolumens ordnungsrechtliche Maßnahmen nach sich ziehen könne. Ich begann mich zu fragen, ob Männer in kleinkarierten Jacken überwachten, wie viele Kartoffelschalen ich entsorgte.
Schließlich erreichte ich die letzte Seite. »Antrag kostenpflichtig absenden.« Der Austausch kostete 28,50 Euro. Ich war inzwischen so weit gekommen, dass ich sogar hundert Euro bezahlt hätte. Ich klickte auf »Absenden«. Ein kleiner Kreis drehte sich. Dann erschien: »Ihre Sitzung ist aus Sicherheitsgründen abgelaufen.« Ich wurde still. Draußen stand die Biotonne. Hundertzwanzig Liter. Grün. Unerschütterlich. Ich begann von vorn.
Beim zweiten Versuch war ich schneller. Nach nur siebenundvierzig Minuten gelang es mir, den Antrag abzusenden. Sofort erhielt ich eine Antwort: »Ihr Vorgang wurde erfolgreich angelegt.« Er erhielt eine Nummer, die eher zu einem sowjetischen Satellitenprogramm gepasst hätte. Von diesem Augenblick an war die Biotonne kein Behälter mehr. Sie war ein Vorgang.
Drei Tage später bekam ich eine weitere Nachricht. Zur abschließenden Bearbeitung werde die Zustimmung des Grundstückseigentümers benötigt. Ich war der Grundstückseigentümer. Das hatte ich angegeben. Nun griff ich zum guten alten Telefon. Damit ließ sich in einem früheren Leben manches in wenigen Minuten mit einem Sachbearbeiter klären.

Nach zweiundzwanzig Minuten nervtötender Warteschleifenmusik meldete sich eine menschliche Stimme. Eine Dame bestätigte, dass im System meine Eigentümereigenschaft vermerkt sei. »Dann stimme ich zu«, sagte ich. Das gehe leider nicht, erklärte sie. Die Zustimmung müsse vom Eigentümer selbst erklärt werden. »Das bin ich.« – »Ja.« – »Und ich erkläre Ihnen gerade, dass ich zustimme.« Telefonisch dürfe man das nicht entgegennehmen, per E-Mail aus Datenschutzgründen ebenfalls nicht. Ich müsse Formular E-17 ausfüllen: »Eigentümerzustimmung zur Veränderung des grundstücksbezogenen Behälterbestandes.« Ist der Bürokratismus eine Erfindung aus Deutschland? Ich druckte es aus, bestätigte mir selbst mit meiner Unterschrift, dass ich meinem eigenen Antrag zustimmte, scannte es wieder ein und lud es ins digitale Portal. Für einen Augenblick empfand ich ein tiefes Gefühl demokratischer Selbstbestimmung.
Eine Woche später kam ein Brief. Ein echter Brief. Auf Papier. Darin teilte mir die Behörde mit, das von mir beantragte Behältervolumen von sechzig Litern werde an meinem Wohnort nicht angeboten. Verfügbar seien achtzig oder vierzig Liter. Ich entschied mich für achtzig. Dazu müsse ich einen Änderungsantrag stellen. Im Bürgerportal. Mein Passwort war inzwischen aus Sicherheitsgründen abgelaufen. Nachdem ich ein neues erfunden hatte, verlangte das Portal eine Begründung für die Änderung. Ich schrieb: »Weil die von mir beantragte Tonne nicht existiert.« Das System bat um eine sachliche Formulierung. Also schrieb ich: »Das ursprünglich beantragte Behältervolumen steht laut Mitteilung der zuständigen Stelle nicht zur Verfügung.« Das wurde akzeptiert.
Zwei Wochen später hielt ein orangefarbener Lastwagen vor unserem Haus. Ein Mann stieg aus, nahm die Biotonne mit und stellte eine neue hin. Sie fasste hundertzwanzig Liter. »Das ist dieselbe Größe wie vorher«, sagte ich fassungslos. Der Mann sah auf sein Tablet. »Hier steht Austausch.« – »Aber gegen eine kleinere.« Er sah noch einmal nach. »Davon steht hier nichts.« – »Warum tauschen Sie sie dann aus?« Er zuckte mit den Schultern. »Auftrag ist Auftrag.« Dann fuhr er davon. Die neue Tonne glänzte. Sie war entschieden schöner als die alte.
Am nächsten Tag erhielt ich den Gebührenbescheid über 28,50 Euro. Ich legte Widerspruch ein. Das war ein Fehler, denn mein Einspruch eröffnete einen neuen Vorgang. Die Gebührenstelle erklärte, der Behälteraustausch sei ordnungsgemäß erfolgt; für Fragen zur Tonnengröße sei sie nicht zuständig. Die Behälterstelle verwies bei abgeschlossenen Vorgängen auf die Gebührenstelle. Der Entsorgungsbetrieb erklärte, er führe lediglich die ihm übermittelten Aufträge aus. Das Bürgerportal erklärte gar nichts. Es bot mir stattdessen einen Chatbot namens MIA an.
»Hallo! Wie kann ich helfen?«, fragte MIA mit Piepsstimme. Ich schrieb: »Ich wollte eine kleinere Biotonne und habe wieder eine große bekommen.« MIA antwortete: »Das Thema Biotonne scheint Sie zu interessieren« und fragte, ob ich eine Tonne bestellen oder abbestellen wolle. Beides verneinte ich. Darauf verabschiedete sie sich: »Vielen Dank. Ihr Feedback hilft uns, unseren Service zu verbessern.«

Drei Monate waren inzwischen vergangen. Ich besaß zwölf E-Mails, vier Briefe, zwei Gebührenbescheide, drei Vorgangsnummern, ein Bürgerkonto, mehrere Passwörter und immer noch eine zu große Biotonne. Während ich darüber nachdachte, mir einen Aktenordner zuzulegen, um die Digitalisierung ausdrucken und ordentlich abheften zu können, trudelte ein weiterer Brief ein. Mein ursprünglicher Antrag sei abschließend geprüft worden. Fassungslos las ich: »Die von Ihnen gewünschte Verringerung des Behältervolumens ist grundsätzlich möglich. Eine gesonderte Genehmigung ist hierfür nicht erforderlich. Ihr Antrag wird daher als gegenstandslos betrachtet und der Vorgang geschlossen.«
Ich ging hinaus. Die Biotonne stand am Straßenrand. Groß. Grün. Leer. Ich hob den Deckel und schaute hinein. Hundertzwanzig Liter behördlich verwaltete Luft. Am Griff klebte ein Aufkleber: »Gemeinsam für weniger Abfall.« In diesem Augenblick begriff ich, dass ich verloren hatte. Nicht gegen einen Beamten. Nicht gegen eine Behörde. Nicht einmal gegen ein Gesetz. Ich hatte gegen den Vorgang verloren. Der Amtsschimmel hatte mich nicht niedergetrampelt. Er hatte mich ordnungsgemäß bearbeitet.
Zwei Tage später erhielt ich wieder Elektropost: »Wie zufrieden waren Sie mit unserem digitalen Bürgerservice?« wollte das Amt von mir wissen. Darunter befanden sich fünf Sterne. Ich wollte keinen einzigen anklicken. Das war jedoch nicht vorgesehen. Die Bewertung war ein Pflichtfeld. Also klickte ich auf einen Stern.
Sofort erschien die Meldung: »Es tut uns leid, dass Sie unzufrieden sind. Bitte schildern Sie uns Ihr Anliegen.«
Und darunter stand:
»Neuen Vorgang anlegen.«
Leseprobe aus
Prinz Rupi
DER RITT AUF DEM OKTOPUS
Mikrodramen aus dem realen Leben
192 S. Paperback, € 10,-

- Website – Der Ritt auf dem Oktopus ist erschienen
- Leseprobe: https://www.amazon.de/dp/B0HKHL11R8 (via Amazon)