Die Stimmung ist merklich im Keller….

Der Keller des Schreckens

Der Keller des Schreckens

Die Geschichte ist wie folgt: Das Haus wurde 1959/60 im sozialen Wohnungsbau errichtet und wurde seit dem von Werksangehörigen einer Baufirma (Werkwohnungen) bewohnt. 1988 scherte das den Umwandler einen ‚feuchten Kehricht‘ und er plante die Umwandlung in Wohnungseigentum mit Vermessern, Ingenieuren und Notaren. Die Kellerverschläge, darüber entwarf man einen Kellerplan, in dem alle Holzverschläge artig und äußerst ordentlich eingezeichnet sind. Jedem Tierchen sein Pläsirchen und jedem werdenden Wohnungseigentümer seinen Kellerverschlag. Anders als sonst oft üblich ordnet der beurkundende Notar die Kellerverschläge jeweils dem Sondereigentum einer Wohnung direkt zu. Das hat auch Vorteile: Die Verwaltung muss in diesem Fall nicht initiativ werden, sondern jeder Eigentümer muss seinen Anspruch selbst geltend machen. Die Praxis hatte aber bei den Umwandlungsbemühungen nicht ‚mitgewürgt‘ und deshalb scherten sich nun wiederum seit Anfang der 60iger dort wohnende Hausbewohner ebenfalls einen ‚feuchten Kehricht‘ um die notariellen Liebesdienste. Was der Notar streng nach Kellerplan regelte, lief an den Mietern der Wohnanlage gänzlich vorbei. Und kümmerte nun auch niemanden.

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1998 wurde die alte Verwaltung aus dem Amt gejagt, denn es hatte Unregelmäßigkeiten gegeben. Eine neue Verwalterin wurde eingesetzt. Neue Besen kehren gut. 1999, Anfang 2000 entstehen erste ‚Kellerbelegungspläne‘, das sind so auf Tabellenkalkulation basierende, wilde Tabellen. Und es begab sich, dass jeder Mieter einen Wohnungseigentümer hat, und dass jeder Wohnungseigentümer einen Kelleranspruch hat. Den richtigen Keller hatte seinerzeit ein Anteil von ca. 10% der Wohnungseigentümer (fünf von fünfzig, gerade gerechnet). Alle übrigen 90% nutzten Kellerverschläge, die ihnen grundbuchrechtlich gar nicht gehörten. Also wurde die Tabelle wie folgt aufgestellt:

Mieter  Wohnungseigentümer     Mieter Wohnungseigentümer

(falsche Belegung)                     (richtige Belegung)

In der Folgezeit bearbeitete die Verwaltung ihr Anliegen mit Verve. Ziel wäre nun, die 90% falschen Beleger mit der Zeit umzusetzen. Um nun keine Völkerwanderung zu veranstalten, dürfe es damit Zeit haben. Man werde vielmehr die natürliche Fluktuation (die Mieterwechsel pro Jahr) ausnutzen. Aber es sei schlicht verboten, auch nur einen weiteren Mieterwechsel ohne Richtigstellung anzugehen. Sicherheitshalber berichtete die Verwalterin in den weiteren Jahren regelmäßig im Protokoll der Versammlung  über den Stand der Angelegenheit. Vor kurzem noch holte sich die Verwalterin einen Solidaritätsbeschluss. Wer umzugswillig sei, aber aus gesundheitlichen oder Altersgründen an einem Umzug eher gehindert sei, dem werde zur Kostenlast der Gemeinschaft beim Umzug mit Manpower (Umzugsleute kommen, packen alles ein und ziehen um) geholfen. ‚Hier werden Sie geholfen!‘ – Inzwischen sind rund 80% aller Wohnungseigentümer im Besitz des richtigen Kellers. Wir merken uns: Gut Ding will Weile haben!

Hervorhebenswert ist aber folgende, bemerkenswerte Geschichte:

Die Wohnungseigentümerin Lehmann (* Name geändert) ist Vermieterin und vermietet ihre Wohnung praktisch schon seit dem sie die Wohnung besitzt. Ihr Sohn ist inzwischen groß geworden und arbeitet in Westdeutschland beim Amtsgericht Nürtingen (* Stadt verändert): Volljurist. – Vor einem Jahr war da auch dieser eine Keller aufgefallen, der im ungeklärten Besitz sei. Nun hat der (neue) Wohnungseigentümer Matewski (* Name geändert) aber Anspruch angemeldet auf seinen Keller, der ihm grundbuchlich zusteht. Die Hauswartsfirma und die Verwaltung fassen alles in eine vernünftige Rahmenhandlung. Da der Nutzer unklar ist, wird wie immer verfahren. Zunächst werden Aushänge im Haus gemacht und es wird aufgefordert, den Kellerverschlag XY mit dem eigenen Namen bis zum (Frist) zu kennzeichnen. Das ist die schiere Wiederholung mehrfacher Vorläufe, in denen dieses sowieso gefordert wurde (siehe oben, die Vorgeschichte beginnt Ende 1999/Anfang 2000). Auf den neuerlichen Aushang meldet sich niemand. Die Frist verstreicht.

Wohnungseigentümer Matewski bricht nun das Vorhangschloss auf und räumt den ‚Krimskrams‘ (wertloses Zeugs, Renovierungsmüll etc.) um. Nach Absprache in einen anderen Kellerverschlag. Er nimmt seinen, den Keller Nr. 30 in Besitz und in Benutzung. Friede, Freude, Eierkuchen. Vor vier Wochen etwa merkt die Wohnungseigentümerin Lehmann bei einem neuerlichen Besuch in der Wohnanlage, dass der vormalige Kellerverschlag nicht mehr von ihr auf schließbar ist. Sie wendet sich an den Hauswartdienst. Der freut sich, nun sei endlich geklärt, wem diese ‚Plünnen‘ gehören? Ein weiterer Fall ist aufgeklärt. Nun ruft der Sohn aus dem Amtsgericht Nürtingen flugs beim Verwalter an und erörtert die rechtlichen Fallstricke, die der Fall bietet. Es ist was die Rede von ‚unerlaubter Eigenmacht‘ und das sei zwar nicht sein Interesse, aber das müsse man nun irgendwie ‚vom Eis‘ bekommen. Der Verwalter entgegnet, es käme nicht nur auf juristische Fragen an, sondern gemeinschaftliche Verwaltung sei immer auch eine ganz praktische Frage der geflissentlichen Regelung des Alltags.

Wohnungseigentümerin Lehmann habe niemals auch nur ansatzweise in ihre Karten blicken lassen, an wen sie wann und bis wann und mit welchem Nebengelass vermietet habe! Offenbar habe sie auch die Hausaushänge nicht gelesen, denn sie wohne ja nicht da. Wenn sie aber, wie in jedem Protokoll vormaliger Versammlungen noch notiert, auch keineswegs mit dem Verwalter zur offenbar erforderlichen Regelung dieser Frage in Kontakt getreten sei, sei das auch nicht gut. Wenn nun aber die Dame verlange, sie hätte angeschrieben werden müssen, so verneine die Verwaltung dies, weil sie ja schließlich nicht wusste, wer den Keller genutzt habe (siehe oben). Auf jeden Fall steht fest: Diese Kellerbelegung war offensichtlich rechtswidrig und wurde offenbar in richtiger Reihenfolge zur Beendigung gebracht. Mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Gorbatschow könne man annehmen, dass derjenige, welcher zu spät käme, eben vom Leben bestraft werde.

Wohnungseigentümer Matewski ruft uns weitere Tage später an. Dieser Sohn von der Eigentümerin, der habe ihm jetzt mit einer Klage auf Wiedereinräumung des Besitzes gedroht. Wir schütteln den Kopf, wir sind auch verärgert. Was bildet sich der Mann eigentlich ein? Und am Wochenende trifft nun eine elektronische Nachricht von Herrn Matewski ein: es sei ein Antrag auf eine Einstweilige Verfügung beim Amtsgericht eingegangen und er müsse sich äußern. Immerhin sei bislang noch keine ergangen, und das Gericht habe wohl ‚rechtliches Gehör‘ voraussetzen wollen, um sodann eine Entscheidung treffen zu können. Für uns steht eins fest: dieser Umgang mit dem Wohnungseigentümer Matewski trägt äußerst fiese, schädliche Züge und wird nicht zum Erfolg führen. Matewski hat nun einen Rechtsanwalt beauftragt. Die Stimmung aber ist merklich im Keller. Doch das ist ‚ja nur‘  ein psychologischer Aspekt des ganzen. Und von dem versteht der Nürtinger Volljurist vom Amtsgericht recht wenig. Er will nur der Mama helfen.

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