H.p. Daniels (Foto: Peter M. Scheibner, mit Dank)

3127/16: Positionen: ‚Nundorfen‘ – Taxifahrers Mundart-Blues, powered by #BerlinerSchnauze (Gastautor: H.p. Daniels)

Kneipe - Stampe - Bierlokal

Kneipe – Stampe – Bierlokal

Hier mal ein kleiner Gast-Beitrag zur Berliner Kneipenkultur vergangener Zeiten. Als der Autor H.p. Daniels noch das zweifelhafte Vergnügen hatte, zur literarischen Befruchtung im Beruf des Berliner Taxifahrers zu recherchieren. H.p. Daniels ist ein Berliner Journalist, veröffentlichte viel im Berliner Tagesspiegel, Musiker (teilte mal seinen Proberaum mit Nena in Schöneberg) und begnadeter Nachrufeschreiber, was bleibt? Der gutgefasste Nachruf.

Es gibt Lokalitäten, um die macht man lieber einen Bogen. Und wenn eine Kneipe schon so einen Namen hat: „Bierquelle“, „Schluckspecht“, „Magendoktor“, „Tankstelle“, „Schnapsdrossel“, „Kaffeeklappe“, „Abfüllstation“, „Narkosestübchen“, „Geisterbahn“… sowas in der Art … Läden, wo in den Fenstern giftgrüne, giftrote, giftgelbe, wolkenförmig ausgeschnittenen Pappschilder an Nylonfäden baumeln: Futschi einsfuffzich, Dienstags: Pils nullkommafünf: zwei Mark, Donnerstag vierzehn bis achtzehn Uhr: Happy Hour – alles halbe Preise!

Am Moritz-Platz hing mal an einer Kneipe mit dem schönen Namen: „Schultheiss-Mütze“ eine Tafel, auf der geschrieben stand: „Himmelfahrt ist euer Willen, daher werden wir für euch Grillen“ … Grillen mit großem G … große Helden der Lyrik. Aber Dichtkunst hin, Kühnheiten der Grammatik her, wenn der Taxifahrer um seinen inneren Frieden besorgt ist, wird er derartige Etablissements tunlichst meiden.

Einmal, kurz vor Weihnachten, bin ich dann doch reingefallen: als die Funkzentrale mir in Spandau einen Auftrag vermittelte, Klosterstraße 6. Als ich den Auftrag angenommen und bestätigt hatte, kam der Nachklapper: Kloster 6, der Bierbrunnen. Bierbrunnen? Oh jeh. Und das war dann auch so ein Schuppen.

Ausprobiert: Kugelsichere Weste!

Ausprobiert: Kugelsichere Weste!

Ich gehe rein, rufe: „Taaxi!“ Sofort reagiert ein junger Mann auf dem Hocker vor dem Tresen, ganz allein, ganz in Leder: „Jau! Ich!“ … kippt den Kopf in den Nacken und knallt sich sein fast noch volles Bier hinter die Binde. Bumm. Aber wirklich hinter die Binde. Mit einem Schlag. Daß es ihm seitlich übers Gesicht läuft, nach hinten in den Nacken. Nach Reinickendorf will er und – „hoffentlich verliernse mich nich unterwegs … Mann, bin ick anjeknattert“, sagt er und erzählt vom Spandauer Weihnachtsmarkt … „der beste in Berlin … und der Glühwein aufm Spandauer Weihnachtsmarkt, ja der Glühwein … und extra hierhergefahren von Reinickendorf wegen dem Spandauer Weihnachtsmarkt … berühmt issderja in ganz Berlin“, sagt der Ledermann, und issja erst Nachmittag, aba ufft Ohr muß er sich trotzdem hauen jetzt … keene Meinung mehr, echt nich… Doch dann wird er immer nüchterner während der Fahrt und erweist sich als ganz netter Knabe. Paketzusteller sei er, erfahre ich … in Pankow, im Osten:

„Weeßte … Borsigwalde ladick ein, und denn rüber …“, und daß die Leute im Osten viel netter seien, viel freundlicher „… die nehm da ooch noch mal n Paket für die Nachbarn ab … macht ja keener mehr bei uns, … da nimmt keener mehr watt ab für jemand andret, gloobste ditt … machn die einfach nich … nee, im Osten sindse wirklich netter … aba ditt wird sich ooch noch ändern … dauert nich mehr lange, sarick dir. Ejal, ick jeh jetz erstmal pennen … machs jut, Alter.“

Eine Woche später: wieder Spandau, ungefähr zur selben Zeit. Und wieder ein Funkauftrag, den keiner will; für die Kloster sechs: Bierbrunnen.

Kneipenrauch (Skurril)

Kneipenrauch (Skurril)

„Nee, dett jehmse mal lieber weiter, Zentralchen!“ sagen die anderen. Prima, denke ich, vielleicht ist es wieder der lederne Paketzusteller, nach Reinickendorf, schöne Fahrt:

„Ja geben Sie mal her, ich mach das. Prima. Bierbrunnen. Danke!“

Also ich da wieder rein und brülle: „Taaxi!“

– „Ja, die kommen gleich“, sagt der hinterm Tresen. Wieso die? Egal. Ich warte. Und da sitze ich nun in meiner Taxe und warte. Und warte. Und warte. Wie das eben so üblich ist bei solchen Kneipen. Plötzlich knallt die Tür auf von der Kneipe, und da fällt einer raus, wie aus einer Klappe. Oh jeh! Wie wenn er zwei Stufen runtergestolpert kommt. Ich weiß gar nicht, ob der Laden Stufen hat. Aber das ist ein Phänomen bei Besoffenen, die aus Kneipen fallen: hat der Laden Stufen vorm Eingang, treten sie erstmal ins Leere als wären da keine. Gibt es keine Stufen, treten sie auch ins Leere, wie wenn da welche wären.

Als es noch den Taxihalteplatz in der Crellestraße gegeben hatte, fand ich es immer sehr unterhaltsam zu beobachten, wie da an der Ecke Kaiser-Wilhelm-Platz so nach und nach die Leute aus der Kneipe fielen. Zum Globetrotter hieß der Laden. Oder so ähnlich. Die fielen da einfach so raus. Wie der jetzt in Spandau. Oh jeh!

Aber da kommt noch einer hinterher, der Kumpel. Der scheint die Schwerkräfte besser unter Kontrolle zu haben. Und er schiebt den anderen, der blöde glotzend und breitbeinig auf der Stelle wankt, von hinten an beiden Schultern gepackt auf die Taxe zu. Wie Kinder, die Eisenbahn spielen. Dampflok. Solche Geräusche machen die auch. Jedenfalls der vorne. Voll unter Dampf. Und der hinten schiebt ihn durch die Tür. Der andere fällt auf den Rücksitz. Krachend. Schnaubend. Dampfend.

– „Sach, wodehinwillst“, sagt der Schieber, knallt die Türe zu und weg iss er. Ach du Scheiße. Auch das noch. Der, der die Schwerkräfte halbwegs unter Kontrolle hat, haut jetzt auch noch ab. Und der andere sieht gar nicht freundlich aus … eher gefährlich eigentlich: ein falsches Wort und…

– „Also, wohin soll’s denn gehen?“

Keine Reaktion. Nur so ein tiefes Grunzen. Von ganz tief unten. Er muß sich wohl noch sammeln. Dann nochmal die Frage nach dem Fahrtziel. Pause. Grunzen.

– „Bwwww …“

Nochmal die Frage nach dem Wohin?

Himmel über Berlin - Otto Sander (gif)

Himmel über Berlin – Otto Sander (gif)

Sein ganzer Oberkörper spannt sich an. Biegt sich hoch. Schlägt er zu? War ihm die Frage zu blöd?

„Nundorfen!“ brüllt er. Und nochmal:

„Nundorfen!“ … diesmal etwas leiser. Jedenfalls verstehe ich das so: Nundorfen … Nundorfen? Kenn ich nicht. Wohin? Krampfhaft überlege ich, was er meinen könnte. Nundorfen, Nundorfen? Vielleicht ein Ort Richtung Nauen. Irgendwas außerhalb.

„Tut mir leid“, sage ich, das kenne ich nicht.

„Wo soll das sein?

„Nundorfen, Mensch, Nundorfen“, brüllt der von hinten und wirkt schon ziemlich ungehalten …

„Kennste nüsch Nunndorfen … Mönschfahfahlosvadammescheiße … Nundorfenhackjesacht“.

Nundorfen… Da kommt mir der rettende Geistesblitz: Neuendorfer Straße. Die Neuendorfer Straße in Spandau. Das isses. Jetzt hab ich’s, sag ich: Neuendorfer Straße? Sie wollen in die Neuendorfer Straße?

„Nääh“, röhrt es vom Rücksitz

„Nundorfen … Männschräicknsoundeulisch … Nundorfenfahlos“.

„Aber wenn ich nicht weiß, in welche Richtung, kann ich auch nicht losfahren.“

Schwerstes Grunzen von hinten. Ein bißchen bedrohlich.

„Mönsch, dann fährste Majstahtswechhörma!“

Das hört sich an wie „Majestätsbeleidigung“, aber mit einer gewissen Übung läßt sich da gerade noch ein „Magistratsweg“ herausdestillieren.

„Magistratsweg?“

„Jahmönschjah“, knattert es von hinten.

„Majstahsweh kassegleiübabruhsbülla…“

Alles klar. Endlich. Magistratsweg über Brunsbütteler Damm. Da kommen wir doch der Sache schon näher. Wir fahren. Brunsbütteler Damm. Und der hinten erzählt, beziehungsweise röhrt. Irgendwelches Zeug. Aber das muß ich jetzt nicht mehr verstehen.

H.p. Daniels (Foto: Peter M. Scheibner, mit Dank)

H.p. Daniels (Foto: Peter M. Scheibner, mit Dank)

„Mmh, mmh“, brummle ich zwischendurch. Daß er denkt, ich höre ihm zu. Dabei versteh ich kein Wort. Laß ihn doch erzählen. Dann schläft er wenigstens nicht ein. Und ich kann ganz ruhig den Brunsbütteler Damm runterfahren. Bis zum Magistratsweg ist es ja noch ein Stück. Und immer geradeaus. Da kann jetzt nichts mehr schiefgehen.

Plötzlich brüllt er wieder:

„He. He. Bissefalsch. Bissefalsch. Haltann. Drehum. Nundorfen. Mönsch. Nundorfen. He. Haltan. Haltan. Bissefalsch. Willßehin. Bissefalsch.“

Oh, nein, der macht mich noch wahnsinnig!

„Nene, das ist schon richtig“, sag ich ganz ruhig.

„Wir sind jetzt auf dem Brunsbütteler Damm und bis zum Magistratsweg ist es noch ein Stückchen. Und da wolln Sie doch hin? Ham Sie doch gesagt: Magistratsweg.“

„Mönschhaltanmönsch. Majstahtsweg wohnick.“

„Na also“, sage ich, „Magistratsweg, alles klar.“

„Scheiße, Nundorfen … Nundorfen willick. Haltandrehum. Nundorfen!“

Da fängt der an zu randalieren da hinten:

„Haltan! Drehum! Nundorfen!“

Ich geb’s auf und fahre rechts ran:

„Also was jetzt?“


H.P. Daniels – Polnische Witze (H.P. Daniels am 18.11.2012 im Leuchtturm, Berlin Schöneberg)

„Drehum! Nundorfen! Umdrehn!“

Okay, dreh ich um. Mal sehen, was das noch wird. Fahre ich halt wieder zurück. Plötzlich schreit der hinten wieder:

„Haltanhaltanmönschhaltanhierhierhierhaltan!“

Da ist eine Kneipe. Da will er jetzt rein. Dann bin ich den endlich los. Mit der Bezahlung geht es erstaunlich zügig, bevor er sich aus der Tür fallen läßt, und dann wankend breitbeinig auf das Lokal zueiert. Den schmeißen sie doch da gleich wieder raus. Also nichts wie weg hier.

Aber jetzt muß ich wirklich lachen. Nicht über den. Über den Namen von der Kneipe. Sie heißt: „Zum guten Tropfen“ … Nundorfen. Alles klar.

H.P. Daniels

Weiterführend
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H.p. Daniels beim Tagesspiegel

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