Mit Kanonen auf Spatzen schießen? Oder: Sich Beachtung verschaffen….auf einem Dach!

Mit Kanonen auf Spatzen schiessen
Der Vorgang ist dreist, nein: frech! Im roten Wedding, unweit der Rehberge, ist die Blockrandbebauung noch Usus. Jeder  Grundstückseigentümer hat einen Vier-Seiten-Hof, also ein Vorderhaus, einen linken und einen rechten Seitenflügel und ein Quergebäude (Gartenhaus). Round about „fuffzich“ Wohnungen je Objekt. Da kann einem schon mal was durch die Lappen gehen. Neulich erhalten wir den Anruf des Dachdeckermeisters und der wohnt im ausgebauten Dachgeschoss und wir verwalten das Haus. Er führt Beschwerde: da seien zwei komische Gestalten auf dem Dach herumgekrabbelt. Hätten eine Satellitenschüssel angebaut. ‚Nein, selbstverständlich, das sei alles mit uns abgesprochen!‘ Ja, klar, sang einst Sabrina Setlur, deutsch-indische Vorzeigerapperin, und daran fühlen wir uns erinnert. Nüscht ist. Von wegen. Keine Absprache. Wir fragen näher zurück? Wie sind denn die da hoch gekommen, aufs Dach?

Es wird klar: Die zwei Herren sind Frechdachse. Sie haben sich auf dem Nachbargrundstück im linken Seitenflügel ganz nach oben durchgekämpft. Das Nachbarhaus ist unverschlossen. Ganz nach oben hoch, fünfter Stock, Dachluke. Die ist auf, unverschlossen. Aufgemacht, hochgeklettert und über die Brandmauer zu uns rüber. Wir haben noch Glück gehabt. Die Herren sind keine Damen und die Fünfziger sind längst vorbei: heutzutage trägt man Slipper, früher waren es Pfennigabsätze, spitze Dinger, die einer Dachhaut schnell den Garaus machen. So haben wir Glück im Unglück.

Die Herren bohren den Schornsteinzug an und befestigen eine große Satellitenschüssel. Die Kabel verlegen sie einfach ‚freischwebend‘ auf der Dachfläche, herunterhängend zum Quergebäude an der rückwärtigen Grundstücksgrenze, zweiter Stock links. Wir schicken unsere Hauswartsleute von der hauswarttechnischen Eingreiftruppe vorbei, Fotos machen, die Kabel lassen wir gleich mal kappen. Die werden sich schon melden.

Ich rufe auch gleich unseren lieben Nachbarn an, denn unter Nachbarn macht der gute Umgang den guten Ton und wir machen gute Miene zum bösen Spiel. Selbstverständlich, so versichert uns die große, angesehene Hausverwaltung mit Sitz am Kudamm, die Sachbearbeiterin sei zwar jetzt nicht hier und infolgedessen auch nicht da, aber da gäbe es diesen Hauswart, dem könne man sicherheitshalber mal Bescheid sagen. Die Absprache lautet auf meinen Vorschlag hin: Leute, schickt diesen Hauswartsdienst raus und ordnet an, die Dachluke fest zu verschließen und zu unterbinden, dass Unberechtigte aufs Dach krabbeln können. Inzwischen verstreichen somit vierzehn Tage und wir hören eine ganze Menge: wir hören gar nichts mehr von dieser Sache.

Der Bloggwart meditiert zufällig über seinen digitalen Akten. Nun erinnert er sich an die liebreizenden Fotos. Was ist eigentlich aus dieser Schüssel geworden? Wurde sie inzwischen entfernt? Das wäre doch mal was.  Auffällig ist: auch unser Hauswart ist an der Sache nicht von selbst wieder dran. Ein Verwalter kann wohl nicht voraussetzen, dass die Dinge von Interesse auch für andere von Interesse bleiben, wenn sie nicht von ihm selbst nachgefasst werden. Der Bloggwart greift zu seinen digitalen Waffen und schreibt eine Email an unseren Hauswart: Bitte haken Sie nach und informieren Sie mich, was Sie nunmehr vorfinden?

Die Antwort kommt nun heute morgen telefonisch vom Dach direkt. Der Hausinspektor vertretungshalber berichtet, die Anlage sei erneut wieder angeschlossen. Kein Wunder, denke ich spontan. Wir haben uns nicht nachhaltig drum gekümmert. Entscheidung heute meinerseits: Kabel kappen und die Schüssel nun -Eskalation hoch!- abgebaut und eingekellert. Herausgabe nur gegen schriftlichen Eigentumsnachweis und bei Übernahme der Kosten für die Wiederinstandsetzung der hauseigenen Gebäudeteile. Das ist jetzt „mit Kanonen auf Spatzen schießen„. Die Sache soll einen erzieherischen Charakter haben! Der freche Hund, der dreist gelogen hat, wird schon noch merken, dass es so nicht geht.

Ich rege mich auf: Meine Verwalterkollegen haben mich im Stich gelassen. Trotzdem sie am Kudamm residieren, haben sie das nicht gemacht, aber es war ja ganz klar eine kollegiale Absprache und so was tut man nicht. Absprachen unter Kollegen hält man ein! Beim Militär heißen Zuwiderhandler: ‚Kameradenschwein‘! – Es gibt auch eine Berufsethik, oder?

Ich habe schnell ein Beschwerdeton enthaltenes Schreiben fertig, und ich rufe nochmals dort an, wer war noch die Dame, die dafür zuständig gewesen wäre vor vierzehn Tagen? Ich komme telefonisch durch. Das ist ja schon mal was. Wieder hebt eine andere Dame das Telefon. Die Mehrzahl von Damen ist? Wieder ist die das Objekt verwaltende Dame nicht im Büro –dammich!-, ich habe immer Pech, nie kann man mit dieser Dame direkt sprechen. Ich habe Glück: Die Dame, die dran ist, erinnert sich an mich und sagt, ja ja, das habe sie damals schon verabredungsgemäß an den Hauswart weiter gegeben. Nun sagt sie, das werde immer wieder aufgebrochen. Das macht alles nichts, ich werde das Beschwerdeton enthaltene Schreiben einfach per Fax absetzen, ich verlange Konsequenzen! Mein Schreiben enthält auch die eine oder andere Übertreibung, und da haben wir es wieder: Ich schieße ‚mit Kanonen auf Spatzen‚! Nur das würgt, nein wirkt – vermutlich. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Ich rufe meinen Kunden erneut an und auch meinen Hausinspektor nochmals zurück und beide bestätigen mir meinen Eindruck: Das mit dem Aufbrechen der Dachluke, der umgehend schon seit 14 Tagen kollegialerweise verschlossenen Dachluke ist eine Lüge. Die war überhaupt nicht abgeschlossen worden.  Gar nichts ist passiert. Gut, wer einen misstrauischen Charakter besitzt. Gut, das Schreiben trotzdem abgeschickt zu haben, nun ist das ein Vorgang. Man schreibt durchaus einen längeren Brief, indem man sich wortreich beschwert, ohne allerdings im Einzelnen nicht erneut aufzulisten, was man alles besprochen habe. Nun sind die Dinge unverrückbar, bürokratisch festgezurrt. Sie müssen erledigt werden. Das Bessere ist der Feind des Guten.

Im Downloadbereich der Website der angesehenen Hausverwaltung vom Kudamm surfen wir währenddessen gedankenverloren herum und entdecken dort auch den ‚Kundenservicebereich‘. Man empfiehlt Wohnungseigentümern Informationen über ‚haushaltsnahe Dienstleistungen‘ – ein Thema, das uns alle angeht, wenn wir WEGs verwalten. Ich klicke die Informationen interessehalber an und lese nun ein pdf-Dokument, eine rote Klebenotiz ist drauf wie bei uns und es heißt: ‚Diese Information wurde ihnen kostenlos von interner Hyperlink http://gotthal.de/infos/ zur Verfügung gestellt.‘ Dammich, dammich, nochmal. Jetzt haben wir nicht nur einen Kollegen, der uns nicht geholfen hat und die Dachluke umgehend verschloss. Jetzt haben wir auch noch einen Ideenklau von unserer Website. Da fällt mir nur der Spruch ein: ‚Sachen gips, die gips ja gar nicht!‘ Allerdings: ich muss unwillkürlich lächeln! Hat unsere Website doch ein hohes Niveau, was die zu erlangenden Informationen angeht! Nein, sagt sich da der Bloggwart, sieh es nicht als Ideenklau, sieh es als Kompliment an die von dir geleistete Arbeit. Selbst diese Kudamm-Verwalter berufen sich auf Informationen von deinem Webserver. Das Bessere ist der Feind des Guten. (Wiederholung)

Während wir nur eine Stunde nach unserem Fax an den nichtkollegialen Kollegen mit Kanonen auf Spatzen geschossen haben, und wir erneut mit unserem Kunden darüber telefonieren, wird schon klar, es gab einen großen Sturm im Wasserglas. Die Sache hat eine ‚perfekte Welle‘ (Song: Wir sind Helden) gemacht, alle wissen Bescheid und jeder ist nun ‚in Arbeit begriffen‘. Wir freuen uns diebisch. Mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, kann also durchaus eine richtige Strategie sein, wenn man nur zufällig genügend Zeit dafür besitzt. Heute habe ich sie mir einfach mal genommen. Na warte!

Ungenehmigte, wild verlegte Satellitenanlage

Nachsatz: Mit unseren Hauswartungsleuten bin ich grundlegend zufrieden und freue mich über eine gute Zusammenarbeit. Dass wir aber gemeinsam gerade an solchen Sachen penibel, nervig und sukzessive dranbleiben müssen, zeigt mir dieses Beispiel auf. Deswegen werde ich diese kleine Episode eines Alltags auch der Aufmerksamkeit derer empfehlen. Und nun wieder Sinnvolles tun….der Berg (‚an Arbeit‘) ruft!