1773/13: Positionen: Ausgebuht, geschlagen, weggemobbt – Meinungsvielfalt, Maulwurftaktiken, Rezensionen + Narzissmus en gros im Internet

Positionen

Briefe aus dem Untergrund

Briefe aus dem Untergrund

Heute weiß er sich zu wehren. Er nimmt zu Einsätzen, bei denen es Ärger geben könnte, vorsichtshalber Pfefferspray und sein Handy mit auf das Feld. Kürzlich hat er sich eine kleine Kamera gekauft, die steckt er sich an die Brusttasche seines Trikots, um Beweisfotos machen zu können, falls er angegriffen wird. (aus: Freiwild, über Aggressionen gegen Fußballschiedsrichter, Artikellink hier)

Wie der SPIEGEL in seiner Ausgabe 50/2012 berichtet, werden Schiedsrichter in Fußball-Amateur- und Jugendligen „bedroht, bespuckt und zusammengeschlagen“. Eine gute Idee, auch Internetblogger, Bewertungsportal-Kritiker und Freiwild-Journalisten ähnlich zu geißeln? Weil sie missliebige Dinge sagen, die sonst niemand sagt. Eine Beschreibung der Theorie, im Internet sei zu wenig Platz für alle Meinungen.

Wer sich regelmäßig mit Selbstgeschriebenem an die Öffentlichkeit wendet, besitzt „Sendungsbewusstsein“. Das gefällt nicht jedem. Diejenigen, deren Machenschaften zur Sprache kommen, fühlen sich schnell auf den Schlips getreten. Sie fühlen sich „in die Öffentlichkeit“ gezerrt. Die Öffentlichkeit sind wir: Internetnutzer haben heute überall Smartphones dabei. Man ist in der Lage, Geschäfte, Lokale, Orte -locations- aufzusuchen und zuvor deren Ranking zu prüfen. Was sagen Andere darüber? ist ein „geflügeltes Wort“. Diese Art Wort-Geflügel ist aber auch „das gerupfte Huhn“, der verrissene Lebensmitteldiscounter, die Restaurantkette mit Pferdefleischanteil oder der Schlüsseldienst an der Berliner Hauptstr. in Beautymountain, Schöneberg. Der Konsument war schon virtuell da und hat gelesen, wie es dort ist: „Over the hills and far away…“

Klara Fall: Sprich zur Sache selbst

Klara Fall: Täglich ein Stück Klara!

Jeder von uns ist mehrere, ist viele, ist ein Übermaß an Selbsten. Deshalb ist, wer die Umgebung verachtet, nicht derselbe, der sich an ihr erfreut oder unter ihr leidet. In der weitläufigen Kolonie unseres Seins gibt es Leute von mancherlei Art, die auf unterschiedliche Weise denken und fühlen.“ (Fernando Pessoa, Schriftsteller)

Die ARD hat gestern Abend einen Krimi namens „Der rote Wolf“ zelebriert, dem es an Spannung, Verve und Sendungsbewusstsein nicht fehlte. Allerdings, beim nachträglichen Aufgugeln (!!) am Sonntagvormittag sticht in der ARD-Mediathek folgender Satz ins Auge:

Diese Sendung ist für Jugendliche unter 12 Jahren nicht geeignet. Der Clip ist deshalb nur von 20 bis 6 Uhr verfügbar. (ARD-Zeitzensur, abgefragt am 12.05.13 um 11:17 Uhr) hier

So macht uns die ARD Glauben, man könne Kinder und Jugendliche von diesem Teil der Wirklichkeit abhalten, wenn man den Abruf von Inhalten auf die Zeit nach 20 Uhr einschränkt. Welcher 11-jährige geht heute um 20 Uhr pünktlich ins Bett? In dem Film geht es wie folgt zu, abgekürzt beschrieben:

Nach dem gewaltsamen Tod eines Kollegen setzt Annika Bengtzon dessen Recherchen fort. Dabei kommt sie auf die Spur einer linksextremistischen Gruppe, die vor Jahrzehnten einen Anschlag auf eine Militärbasis verübte. Dabei verfolgt sie die Spuren von erst drei, dann überraschend vier Morden, die Verstrickung einer Ministerin und die Auflösung des Ganzen, indem sich der Überzeugungstäter durch einen einfahrenden Zug wegrammen lässt in den Freitod, hinüber ins Jenseits, von dem aus sich auf die eigene Lebenschronik nur noch mit Freude schauen lässt.

Wenige können wirklich Internet machen. Weit mehr nutzen es passiv. Internetnutzer konsumieren das Internet überwiegend in der Art einer großen, reich bebilderten Boulevardzeitung. Nach der „yellow press“ aus Printtagen erhalten weltweit diejenigen Websites die erstaunlichsten Zugriffszahlen, in denen es „um nichts“ anderes geht als Gossip, Klatsch & Tratsch und „oberflächlichen Scheiß“. Daneben gibt es, ähnlich wie in der Musikbranche inzwischen das „Sparteninternet“, das auf „ausbalancierte Schichtungen der Bevölkerung“ zielt und „Nutznießer mit special interests generiert“. Nutzer, die Mehrwerte aus dem Internet zu ziehen trachten, sind potenzielle Zielgruppen. Sie stecken in sozialen Netzwerken fest, es gibt Apps zum Einchecken, Entdecken und Verorten, wir wollen uns verorten beim Kaufhaus Horten. Mit unseren Daten fangen die kostenlos überall in Breitbandwerbung genommenen Internetgiganten Werbekunden ein, denen sie praktisch nichts Wertvolles verkaufen, sondern eingebildete Hypes der Relevanz, Zielgruppensicherheit und Marktfortüne.

Wir aber sind Individuen und hinterlassen unsere Spuren im Internet, auf Plattformen, die sich oberflächlich betrachtet dafür hergeben: Für Meinungsvielfalt, echte Demokratie und „Jeder darf mal mitreden“. So wie im Reality TV der Privaten: Es kommt unheimlich viel „bullshit“ dabei raus. Wir erzählen der Welt, wie es da war. Ganz gleich, ob wir Legastheniker sind, keinen vernünftigen Satz bzw. Sinn aneinanderreihen können, wir reihern unsere Bewertungen für die Nachwelt via Smartphone auf die Bedürfnisplattform „Erlebnisinternet“.

Ich esse nichts, was Augen hat! - Paul McCartney

Ich esse nichts, was Augen hat! – Paul McCartney

Ich esse nichts, was Augen hat! – Paul McCartney – Aber die Augen und der Kopf essen stets mit. Der Gastro- und Shopping-Rezensent schaltet das Hirn nie ab, wenn er auszieht, in der quietschebunten Erlebniswelt unerhörten Konsums zu hinterfragen, was persönlich, subjektiv befremdlich allem Positiven entgegensteht. Es ist ein eigener Standpunkt, allerdings und nur ein erlaubter Standpunkt unter vielen. Erst alle zusammen und „das eigene, wirkliche Erleben“ bestätigen bzw. verändern gar den Erfolg oder den Misserfolg eines Marktteilnehmers. Zutreffende Kritik, „auf den Punkt“ gebracht, muss ernst genommen werden. Sie ist eine Facette Pluralität, die man benötigt. – Nicht umsonst ruft dich ein Meinungsforscher an, sobald FIAT dein Auto repariert hat. – Ja, man ist zufrieden, so lange einen keiner auch noch anruft, um Weltenlärm zu verursachen.

Einige dieser Erlebnisberichte und eine Vielzahl von Erfahrungen und subjektiv verfassten Schilderungen habe ich schon als „Duftspuren“ hinterlassen. Man kann sie nachgugeln, ich mache aus ihnen „kein Geheimnis“, verstecke mich nicht hinter irgendeinem Nickname und bilde nicht einfach einen abfotografierten Stinkefinger oder eine räudige Katze als Profilbild ab. Nein, ich möchte „Farbe bekennen“, wie es gute Menschen tun, die zu dem stehen, was sie zu sagen haben. Authentizität. Nur so sind für mich Bewertungen glaubwürdig. Und Kommentare von Lesern meiner Bewertungen auch.

Das ist nicht immer leicht. Wir treffen auf eine schwer einzuschätzende Leserstruktur, die es stets leichter hat, als wir selbst, die Schreibenden. Denn wir präsentieren uns, lassen tiefe Einblicke in unsere Gedankenwelt zu und werden trotz aller Ehrlichkeit und Offenheit dafür angespuckt, angezählt und angegriffen. Dabei ist unschwer zu erkennen, von wem solche Angriffe ausgehen, Zitat:

Am 24. März urteilt der Benutzer cynopz über meine Beschreibung von Zuständen beim Schlüsseldienst Knorr in Berlin-Friedenau, wörtlich zitiert: „Kurz zu diesem Text : Der Verfasser ist ein Vollpfosten, der seine Wünsche und seine Unkenntnis mixt und dann erbricht.“

Das Wort „Vollpfosten“ ist intellektuell nicht gesichert definiert. Jörg Kachelmann bezeichnet so gerne den Journalismus dieses Genres, der Dinge schreibt und berichtet, die die Sache selbst nicht wert sind. Man braucht nicht sonderlich viel Hirn, um zu verstehen, von wem exakt dieser Kommentar (hier oben) ist. Es ist einer derjenigen Protagonisten, deren Handeln und Wirken genau an diesem „fotografisch präzise beschriebenen“ Platz beschrieben ist. Die Bewertung hat zutreffend gesessen, es wurde genau das beschrieben, was diesen Platz und eine negative Erfahrung dort ausmacht. So tief, so unangreifbar, so zulässig und nun? „Wenn du sowas über mich schreibst, dann spiele ich nicht mehr dir, rabähhhh…..“

Troll! Bitte nicht füttern. (Quelle: Deutsche Wikipedia)

Troll! Bitte nicht füttern. (Quelle: Deutsche Wikipedia)

Schon früher sah ich Anlass, deutlich Stellung zu nehmen dazu, wie ich meine Rezensionen zu beachten bitte und was sie vor allem nicht sind: Bezahlte Auftragsarbeit, um irgendjemand zu huldigen, der in Wirklichkeit ein „ganz Schlächter“ ist. Der Artikel ist hier. Wir Autoren erhalten Leserbriefe, verdeckte Echos, Kommentare von Internettrollen und Herabwürdigungen möglichst umfassender Art. Unmöglich, einen Troll nicht zu füttern. Sein newsfeed ist all das, was Menschen mit Mühe, Engagement und in fleißiger Arbeit an „Content“ errichten. Da „scheißt er drauf“, um bildlich zu bleiben. Dabei ist stets das Vernichtende in kurz, aggressiv formulierten Rundumschlägen der „Kern einer Unsache“, der vollkommenen Unsachlichkeit. So wie beispielsweise dieser Kommentar einer vermutlich weiblichen, guten Freundin des hier Erstgenannten auf qype, unter einer wohlmeinenden, gut abgewogenen Restaurantkritik hier:

Trollartiger Kommentar auf qype #Cyber Mobbing

Trollartiger Kommentar auf qype #Cyber Mobbing

Entdeckt, entlarvt und gut beschrieben: Frieda0012 sagt: „Narzissmus, wie er leibt und lebt. Hätte dieser arme Tropf Thai Wissen, wäre das Erste, bescheiden über sich selbst und seinen eigenen Eindruck zu berichten. Hier ist ein Mensch aus einer kleinen Welt, der arrogant urteilt und übrigens in seinen „Wertungen“ meist negativ urteilt. Selbsttherapien sind auch anders möglich. (Kommentar gelöscht, Ursprungsbeitrag hier)

Trollartige Kommentare auf Rezensionen, die so umfassend und in „Vernichtungsabsicht“ daherkommen, sind seltene Ausnahmen. Die Trollin „Frieda“ aber besitzt eine klare Auftragsstruktur: Sie nimmt Wächteraufgaben für die „manipulierte Öffentlichkeit“ wahr und definiert sich als ihr Anwalt. Sie macht die Blinden sehend. Sie gibt sich den Touch gekonnten Durchblicks und hat ein klar definiertes Ziel: Der Rezensent möge bitte sofort gänzlich schweigen, aufhören Rezensionen wie diesen Rohrkrepierer zu verfassen, denen es an jeder inhaltlichen Berechtigung fehle. Ruhe. Halt ein, du törichter Narr, du Narzisst. Hör auf, mein Internet vollzuschreiben.

Ähnlich wie dieser offensichtliche Frontalangriff gegen den Autor ist auch dem ersten, obigen Kommentar ein Hassaspekt zu entnehmen. Indem Kommentatoren versuchen, über das freie Wort Macht auszuüben, weil sie glauben, das Internet werde zu vollgeschrieben mit gefährlichem Gedankengut. Ihnen passt die Sichtweise Anderer-aus welchen Gründen auch immer- nicht in den Kram.

Noch unverständlicher, vollkommen realitätsfern, war der Percussionist einer Berliner Musikgruppe. Es gab (und gibt) eine Reihe der „Band-Soziologie“ auf dieser Website, in der ein Musiker über seinen Bandalltag Berichte verfasst, eine Art soziologische Realitätsbeschreibung, aus seiner eigenen, subjektiven Sicht. Es gibt Soziologien der Arbeit, der Beziehungen, der Vereinsmeierei und letztlich auch von Bandzusammenarbeit. Weil immer einer zu spät kommt oder immer einer nicht geübt hat, was zu üben er versprochen hat.  Dieser druckte sich die Band-Soziologien aus dem Internet aus, führte sie aggressiv zum Streit ins Feld, ja, er habe sie extra mitgebracht, um allen zu zeigen, so…. Ja, und? -Die Gedanken eines Anderen nicht ertragen zu können lässt vermuten, ein ganz anderes Problem wird an der Band abgearbeitet.

Ruhig gestellter Kritiker!

Ruhig gestellter Kritiker!

Er hatte sich tücksch eingeschlichen in der Art eines Maulwurfs. Und gesagt, was noch niemand sich getraut hatte zu sagen: Dass die Pizza nicht richtig durch war und der Käse in Wirklichkeit Käse-Ersatz. Harsche Worte. Nun ruht er in Frieden! Er ist ein ruhig gestellter Kritiker! #Resümees

Das Ende vom Lied. Der Autor der „Band-Soziologien“ verließ die Band. Fünf Wochen später brannte sein Auto nachts lichterloh. Vom Tathergang gibt es ein Video, das zeigt, wie der Täter professionell mit Brandbeschleunigern hantiert. Wochen später lag eine übelriechende, bereits verweste, tote Katze vor der Eingangstür des Autors.

So weit geht Hass gegen freie Meinungsäußerung. Allerdings ist das Schicksal der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja in der samtdeutschen Öffentlichkeit noch nicht Realität, die virtuellen Täter verstecken sich in der Nacht im Netz, hinter Pseudonymen, deren Ursprung man meint, verschleiern zu können. Oder schleichen sich in der Nacht an und hinterlassen Wut an toten Gegenständen. Im Krimi „Der rote Wolf“ allerdings sterben Menschen aus Gründen einer Sache, die in Dienst gestellt ist.

Am Ende lässt sich zusammenfassen: Von wirklicher Freiheit ist auch die bundesdeutsche Gesellschaft in Zeiten des weltweiten Internets noch weit entfernt. Und der Brandstifter bleibt, was er ist: Der Biedermann bleibt ein Brandstifter. Bzw. umgekehrt.

Feige, wie der Kommentator vom „sich erbrechenden Autor“ und feige wie die analysierende Freudianerin, die den Narzisst bekämpft. Den Narziss im Autor einer Restaurantkritik? Sie alle bekämpfen in Wirklichkeit nicht den Autor, sondern sich selbst und das gesprochene, freie Wort, dessen Relevanz auszuhalten, sie nicht ertragen. Vor solchen unfreien Menschen muss man sich tatsächlich gehörig in Acht nehmen. Sie gefährden den Restfrieden.

Guten Hunger.

(EP)

2 Gedanken zu „1773/13: Positionen: Ausgebuht, geschlagen, weggemobbt – Meinungsvielfalt, Maulwurftaktiken, Rezensionen + Narzissmus en gros im Internet

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