Die Sache hat keinem Vergleich standgehalten…..

Mit sozialistischem Arbeitergruß

Rotfront Berlin - Quelle: http://www.ttecx.de

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Ich gebe es zu, nein, ich propagiere es ja auch eigentlich ständig. Es gibt in unserem Beruf diese drei wesentlichen Säulen von Sachgebieten: kaufmännisch, rechtlich, technisch. Man soll nur ja nicht unterschätzen, wie viel rechtliches Gehör in den Ansinnen unserer Kunden doch liegt. Rechtliche Ansinnen werden manchmal direkt an uns herangetragen und wir können dann moderieren, versuchen, etwas zu kanalisieren. Ein Anliegen, z.B. einen Fenstereinbau oder das Anbauen einer Außentreppe an die Erdgeschoßwohnung mit Gartenzugang. Selbst ein Verteilerschlüssel in der Jahresabrechnung darf neuerdings in bestimmten Fällen geändert werden. Alles entwickelt sich fort. Und auch die Menschen werden älter. In unserem Beruf ist vor allem menschliche Beweglichkeit sehr wichtig. Wer in seinen Strukturen erkaltet, noch bevor sich das Herz für Veränderungen erwärmt, wird leblos und hat ein Amt ohne Fantasie und Liebe zum Hintergrund der Angelegenheit. In jeder angeordneten Schnittmenge von menschlichen Populationen (im Internet positiv ausgedrückt: Communities) sind verschiedene Menschentypen. Der Unterschied zu Communities besteht bei Wohnungseigentümern darin, dass sie sich ihre ständigen Leidensgenossen nicht (mehr) aussuchen können. Warum war die DDR im Verhältnis zur UdSSR relativ stark benachteiligt? Die seinerzeitige Witzfindung erklärte das so: ‚Die UdSSR ist der große Bruder, und bekanntlich kann man sich Geschwister nicht aussuchen!‘.

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Es heißt aber nicht Wohnungseigentümercommunity, und auch das Wort Wohnungseigentümergemeinschaft ist teils starken Belastungen ausgesetzt, manchmal überstrapaziert. Denn Wohnungseigentum zu erwerben, fordert nicht nur die Fliehkräfte des EURO hinaus, sondern auch die denkbare ‚Latte menschlicher Begehrlichkeiten‘. Wer in Immobilien investiert hat, tut es manchmal aus reinen Rentabilitätserwägungen. Ein jeder sei geprägt von diesen oder anderen Erwägungen! Hinzu kommt die Erwägung, selbstbestimmter zu sein, als ein Mieter. Etliche Gemeinschaften setzen sich aus vielen vernünftigen Menschen zusammen. Doch es gibt auch Ausnahmen. Manche dieser Ausnahmen sind äußerst schwierige Individuen, die für sich Anspruch nehmen, mehrheitliche Meinungsbildungen stets nicht als Abschluss von Findung und Erörterung zu begreifen, sondern als Startpunkt denkbarer Auseinandersetzungen vor Gericht. Oft sitzen vereinsamte und Rechtsprechung als ‚Gerechtigkeit‘ begreifende Streithanseln in einer Art gedanklichem Elfenbeinturm von mehreren Hundert Meter Höhe. Von dort schauen sie herab auf die ‚breite Masse‘ der übrigen Stimmberechtigten. Diese benennen sie gern ‚Stimmvieh‘ und bringen damit zum Ausdruck, dass nur der engagierte Rechtsuchende, sie selbst, den Streitstoff überhaupt begriffen hat.

Wer sich zu ihnen in Gegensatz setzt, gehört zur anderen Seite und leistet einer geheimnisvollen Verschwörung, angeführt durch den dies wissenden Verwalter oder Verwaltungsbeirat (kommt drauf an) Vorschub. Es ist das Wesen der Demokratie, dass man erlernen muss, die Meinung eines anderen zu ertragen. Aber ein anderes Wesen der Demokratie ist dasjenige, dass man die Fähigkeit zum Kompromiss erlernen muss. Nicht aber so die Rechthaber, die (zu starken) Individualisten. So stehen nun die Lämmer der Herde vor dem Gerichtsvorsitzenden und machen ‚Muh‘ und ‚Mäh‘. Der Vorsitzende wirft seine Erwägungen in den Raum und bittet nachzudenken. Die Situation erscheint oberflächlich so, als würden alle nachdenken. Doch irgendwie spürt man offensiv, das Nachdenken ist nur auf die Möglichkeit hin gerichtet, das eigene Argument noch einmal anders herum aufzubauen. Das Nachdenken ist nicht ein Mitdenken in dem Sinn, den der Richter zum Denken als Aufgabe vorgegeben hat. Mitdenken als Konstruktivismus, als Suche nach einem etwa vorhandenen ‚minimalen Konsens‘ aller Beteiligten. ‚Eine innere Verhärtung‘ ist zu spüren, auf der einen, wie auf der anderen Seite. Die angegriffene Seite wird immer leiser, irgendwie tonlos, und der zur Verteidigung erhobene Singsang geht schon fast unter im Schwall immer neuer Anschuldigungen und Vorwürfe. Die Augen des Angegriffenen richten sich fest auf den Vorsitzenden, der mit einem kaum merklichen Zucken zu verstehen gibt, Du bist nicht allein, ich verstehe die Psychologie des Augenblicks, diese unerträgliche Bürde deines Seins (Abwandlung des berühmten Buchtitels ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins‘). Weder darf nun der Vorsitzende laut brüllen und den unmäßigen Angreifer in bestimmte, verhältnismäßige Schranken weisen. Noch ist überhaupt einer der betroffenen Parteien willens oder in der Lage, zur Verhältnismäßigkeit der Mittel zurück zu kehren. Selbst die Unverhältnismäßigkeit der Mittel wird von den Beteiligten stark unterschiedlich empfunden: Für den einen ist es bereits unverhältnismäßig, wegen einer solchen Lappalie verklagt zu werden. Für den anderen ist der Beschluss über die Lappalie unverhältnismäßig und der Gedanke unerträglich, derartiges nicht wenigstens gerichtlich anzufechten. Der gegenseitige Respekt, die menschliche Achtung hat bereits gelitten. Und so lange sich der Vorsitzende noch vergeblich bemüht, nach dem roten Faden eines möglichen, gerichtlichen Vergleichs zu forschen, so lange sind beide Parteien nicht in der Lage, einfach nur zu sagen: ‚Lass es sein, lieber Vorsitzender, Du verschwendest Deine (und unsere) Zeit!‘ – ‚Wir wollen uns nicht vergleichen!‘ Denn sie streiten aus ganz anderen Gründen. Diese stehen nicht zwischen den Aktendeckeln des Gerichts, und diese werden im Rahmen der mündlichen Verhandlung auch mit keinem Wort erwähnt. Aber sie sind der Grund für das Verfahren. Hintergrund war, es war alles viel schöner 1976. Damals war die Anlage komplett um einen imaginären Dorfkern, den Dorfplatz herum errichtet worden. Die Gemeinschaft bestand aus 28 (* geändert) Reihenhäusern und etlichen Gemeinschaftseinrichtungen. Alles sollten sie hinfort gemeinschaftlich nutzen (dürfen). Ja, die Gemeinschaft. Alle haben ihre Kinder groß gezogen. Beruflich hatten die wenigsten Existenzsorgen. Alle kamen gut miteinander aus. In einem großen Prozess um Bauträger-Verpflichtungen erstritten sie viel Geld und konnten dies für Mängelbeseitigung einsetzen. Die Jahre gingen dahin.

Einer von ihnen wollte schon immer zum Verwaltungsbeirat kandidieren. Er schaffte es nur nicht, einen Mehrheitsbeschluss dafür zu bekommen. Denn die anderen wollten das nicht. Befürchteten sie insgeheim, von einem Alphatier dominiert zu werden? Einiges spricht dafür. Wir waren nicht dabei und was wir nicht genau wissen, werden wir auch nicht behaupten.

Das Leben der anderen....

Das Leben der anderen....

Sie wollten lieber den anderen, der erschien für das Amt geeigneter. Nun ist er das schon seit mehr als zwanzig Jahren. Und gegen diese felsenfeste Position des Vorsitzenden, da agiert nun der als Alphatier vermutete andauernd, und notfalls auch gerichtlich. Will er denn die Macht insgesamt übernehmen, präjudizierend für die feste Form des künftigen Denkens klagen? Wie viel Freiheit bleibt uns noch zu atmen? – Mit den Lebensjahren ist die Waschmaschine des Lebens vom Kalk vieler  Schleudergänge schon zugesetzt, abgesetzt und verkrustet zu ganz bestimmten, verfestigten Meinungen, Haltungen, Anschauungen. Die rechtfertigen sie gern mit Worten wie ‚Wir waren mal eine Gemeinschaft!‘ oder ‚Wir verwalten uns selbst!‘. Und nun? Nichts geht mehr. Nichts.

Denn auf der Gerichtssitzung lässt sich den anderen vorführen, wie viel Macht jeder Einzelne, notfalls auch gegen die Gemeinschaft, besitzt. Und wie alles, was sich in Deutschland wenig bewegt, so ändert auch die gerichtliche Behandlung nicht, was nämlich nicht zu ändern ist: Nicht zu ändern ist die menschliche Haltung des Streitführers. Das Gericht ist auch Bewilliger unendlicher Geduld und Fairness, es muss qua Amt zuhören und Raum geben, nicht nur Sitzungssaal, Raum für meditative Erwägungen. Was wäre, wenn? Er, der Streitführer, will uns zeigen und beweisen, wie viel Ahnung er von den fachlichen Dingen hat. Er trägt messerscharf geschliffene, feine Sätze vor, die fehlerlos dahin geschrieben sind, nur nicht inhaltlich.

Auf Fragen des Vorsitzenden antwortet er nie direkt. Immer geht eine wortreich, weitschweifige Satzblume dem Antworten voraus, und nun muss jeder im Saal das Blümerante von dem Gesagten inhaltlich trennen, und hier und da entpuppt sich das Gesagte schließlich als widerlicher, kleiner Giftpfeil, niemand kann das so kenntnisreich verpacken in harmlos klingende Sätze.

Er sagt, warum das alles so und so und auf keinen Fall anders herum ist.  Er weiß auch stets zu berichten, was seine Gegner sich dabei gedacht haben, er kennt nicht das Lied ‚Die Gedanken sind frei, kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen….‘ – Der Streitführer hat zur Gewissheit der Übrigen kein redliches Ansinnen im Schilde zu führen, es eine ‚Achse des Bösen‘ benennen, verbietet der Anstand.

Irgendwann setzt eine Art ‚burn-out-Syndrom‘ bei den übrigen Miteigentümern ein. Man hört gar nicht mehr zu, wenn er Reden schwingt. Man geht in eine Art ‚innere Kündigung‘, und lässt den Gesprächsführer mit seinem Wortschwall allein. Der begreift es aber nicht und redet und redet und redet….und ist auch trotz aller menschlichen Einwürfe nicht mehr in der Lage, Gefühle für seine Mitmenschen aufzubringen, deren  menschliche Empfindungen angemessen zu berücksichtigen.

Ach so, eins ist klar, nach alledem: es wird den vom Vorsitzenden (Richter) dargestellten Vergleich nicht geben. Die Gegenseite ist nicht vergleichsbereit. Das kann man aber dem Richter nicht sagen, denn im Prozess für die Gegenseite aufzutreten, verbietet sich. Es reicht nicht aus, die mangelnde Vergleichsbereitschaft der Gegenseite zu wissen. Die Gegenseite selbst muss sie ausdrücklich erklären. Dann erst wieder ‚dem Vorsitzenden vorsichtig in die Augen sehen, ein Zwinkern, ein Schulterzucken‘.

Einem Vorsitzenden des Verwaltungsbeirats überreiche und widme ich heute diesen virtuellen Blumenstrauß als Dank für seinen jahrelangen Einsatz bei Entgegnungen, für Widerworte, Begleitung, Unterstützung und Assistenz bei der Abwehr unnötiger gerichtlicher Verfahren. Danke dafür.

Virtueller Blumenstrauss

Virtueller Blumenstrauss

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